{"id":1209,"date":"2023-06-07T20:07:01","date_gmt":"2023-06-07T18:07:01","guid":{"rendered":"https:\/\/www.sachsen-anhalt.freidenker.org\/cms\/?p=1209"},"modified":"2023-11-20T20:13:42","modified_gmt":"2023-11-20T19:13:42","slug":"die-ddr-elektromotoren-drehten-sich-fast-ueberall-auf-der-welt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.sachsen-anhalt.freidenker.org\/cms\/?p=1209","title":{"rendered":"Die DDR-Elektromotoren drehten sich fast \u00fcberall auf der Welt"},"content":{"rendered":"<p align=\"justify\"><a href=\"https:\/\/www.sachsen-anhalt.freidenker.org\/cms\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/20230527_212919-scaled.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-1186 size-thumbnail\" src=\"https:\/\/www.sachsen-anhalt.freidenker.org\/cms\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/20230527_212919-150x150.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/a>Am 29. April stellte Wolfgang Beck sein Buch in Quedlinburg vor allem den Mitgliedern der Freidenker und des Rotfuchs vor und am 5. Mai in Wernigerode ins besondere seinen ehemaligen Mitarbeitern. Dieses Buch \u201eAlles hat ein Ende \u2013 auch die Marktwirtschaft\u201c erschien dieses Jahr im Rahmen der Rohnstock Biografien. Wer ein differenziertes Bild von der DDR-Wirtschaft finden m\u00f6chte, wird hier nicht entt\u00e4uscht.<\/p>\n<p align=\"justify\">In diesem Buch erz\u00e4hlt Beck, der sowohl der letzte Betriebsdirektor des VEB Elektromotorenwerk Wernigerode (ELMO) als auch 1984 der j\u00fcngste Direktor der DDR war, anhand vieler Beispiele von den Vor- und Nachteilen der Planwirtschaft und von dem wirtschaftlichen Ab- und Aufbruch nach 1990. Der Klappentext endet mit dem Worten: \u201eBeck erlebte das Ende der Planwirtschaft mit und ist \u00fcberzeugt: Auch die real existierende Marktwirtschaft wird sich bald \u00fcberlebt haben.\u201c<\/p>\n<p align=\"justify\">In der ELMO wurden Motoren \u201ein einem Leistungsbereich von 5,5 bis 200 KW\u201c (S. 14) gebaut, die in allen Bereichen der DDR-Wirtschaft gebraucht wurden. Dieser Betrieb war damals einer der gr\u00f6\u00dften seiner Art in Europa und seine Produkte wurden in alle Teile der Welt geliefert (S. 27), in denen das Internationale Einheitensystem, das unter anderem auf dem Meter beruht, angewendet wurde. Damit konnte nicht in die Entwicklungsl\u00e4nder (wie Liberia, Myanmar und USA) geliefert werden, obwohl sich die US-Schauspielerin Jane Fonda ein d\u00e4nisches Windrad zulegte, das einen sozialistischen Generator aus Wernigerode enthielt.<\/p>\n<p align=\"justify\"><!--more-->Wolfgang Beck beschreibt einige M\u00e4ngel in der DDR: \u201eDie Ausf\u00fchrungen Lenins zur Sicherung der Macht und zur Diktatur des Proletariats waren Grundpfeiler der DDR-Ideologie. Dabei \u00fcbersehen viele, dass Lenin die Ware-Geld-Beziehung und die \u00f6konomische Interessiertheit der Bev\u00f6lkerung nutzen wollte [und] die F\u00f6rderung der privaten Kleinproduktion bef\u00fcrwortete.\u201c (S. 15) Er schreibt weiter: \u201eEinflussreiche Theoretiker \u2026 ,insbesondere Lenin, haben pluralistische Elemente in der gesellschaftlichen Entwicklung angemahnt. Danach hat in kritischen Zeiten eine sehr straffe F\u00fchrung und in guten Zeiten eine demokratische F\u00fchrung zu erfolgen. Dieses Wissen war den Entscheidungstr\u00e4gern abhandengekommen.\u201c (S. 16)<\/p>\n<p align=\"justify\">Ein ganzes Kapitel, W wie Wodka, nehmen die freundschaftlichen Beziehungen, wie es damals hie\u00df, zu den Betrieben im sozialistischen Lager ein. Dabei geht Beck auf die besonderen Beziehungen zu dem Elektromotorenwerk in Mohelnice in der \u010cSSR (Tschechoslowakische Sozialistische Republik) und die engen Kontakte nach Jaroslawl in der UdSSR ein (S. 41-43). Dort wurden gegenseitig Erfahrungen in der Rationalisierung ausgetauscht, \u00fcber gemeinsame Projekte im kapitalistischen Ausland schreibt er nichts.<\/p>\n<p align=\"justify\">Im Weiteren wird gefragt, wie sich das Buch von Beck einordnen l\u00e4sst. Einer der wichtigsten Theoretiker des Postkolonialismus, Edward Said, erl\u00e4utert die inszenierte Andersartigkeit. So werden die negativen Seiten der Menschen in den ehemaligen Kolonien im globalen Wertewesten tendenziell \u00fcberbetont: Diese geheuchelte Andersartigkeit ist \u2013 vereinfacht gesprochen \u2013 eine Inszenierung eines Fremden, die als negative Projektionsfl\u00e4che zur Reproduktion einer eigenen, positiv verstandenen Identit\u00e4t bzw. des eigenen Habitus herhalten muss (vgl. Aram Ziai).<\/p>\n<p align=\"justify\">Auch die DDR-B\u00fcrger werden heute als \u201eOstneger\u201c oder \u201eHalbrussen\u201c beschrieben, obwohl dieses W\u00f6rter selbst nicht verwendet werden sollten. Nur k\u00f6nnen diese B\u00fcrger an jeder dritten Ecke im Namen des Rechtsstaats so behandelt werden (Tarifvertr\u00e4ge, die Ostdeutsche deutlich benachteiligen, sind rechtsg\u00fcltig). F\u00fcr alle diejenigen, die die DDR nicht bewusst selbst erlebten, empfehlt der Rezensent, sich Diskussionspartner zu suchen, die sich im DDR-Alltag auskennen. So wurde zum Beispiel der Kupferdraht von 500 Strafgefangenen in die gro\u00dfen Statoren des etwa 3500 Besch\u00e4ftige umfassenden Betriebes gewickelt. Es waren keine politischen Gefangenen. Daf\u00fcr spricht auch, dass es in der DDR im letzten Jahrzehnt keine 90% politische gab, wie gern behauptet, auch keine 10%, sondern etwa um 4% (Egon Krenz 2022).<\/p>\n<p align=\"justify\">Die Meinung, dass im Knast nur Politische und in den DDR-Kinderheimen nur Kinder aus politischen Gr\u00fcnden sa\u00dfen, ist verbreitet, was jedoch an den Haaren herbeigezogen ist. Gegen diese Inszenierung der Andersartigkeit l\u00e4sst sich mit Argumenten kaum etwas entgegnen. Sie sitzt sehr tief, da sie damit verkn\u00fcpft ist, dass \u201cwir\u201c im Wertewesten die Guten sind und alle anderen die Unmenschen. Das Thema Sozialismus in der DDR l\u00e4sst sich nicht schnell zwischen T\u00fcr und Angel erkl\u00e4ren. Dazu leistet der Autor einiges, st\u00f6\u00dft aber auch an die heutigen politischen Grenzen der gut gepflegten Irrationalit\u00e4t. Mit dieser werfen die vielen moralisierenden Selbstgerechten im postkolonialen Zeitalter immer wieder gern um sich.<\/p>\n<p align=\"justify\">Im Untertitel steht provokativ: \u201ePlanwirtschaft \u2013 Marktwirtschaft \u2013 Bedarfswirtschaft\u201c. Es werden 10 Thesen der Bedarfswirtschaft vorgestellt (S. 116-117), mit dem das Problem angerissen wird. So beinhaltet die These 7: \u201eEin nicht am Kommerz, sondern am Bedarf ausgerichtetes kostenloses Gesundheitssystem sichert Existenzen und ist jedem Mitglied der Gesellschaft zug\u00e4nglich.\u201c (S. 117) Leider wird die Bedarfswirtschaft nicht theoretisch umrissen und auch nicht als eine Dialektik von Plan- und Marktwirtschaft vorgestellt, die dieser Wirtschaftsform eine strategische Tragweite und Tiefe geben w\u00fcrde. Die H\u00e4lfte des Buchs umfasst der Anhang, in dem viele interessante Beispiele von Dokumenten aus der Zeit festgehalten werden.<\/p>\n<p align=\"justify\">Die Herausgeberin Katrin Rohnstock wirbt mit dem wichtigen Gedanken: \u201eWenn wir nicht wissen, woher wir kommen, wissen wir nicht, wohin wir gehen\u201c (S. 268). F\u00fcr alle, die den \u2013 auf Krieg und Konkurrenz basierenden \u2013 Kapitalismus nicht f\u00fcr das Ende der Geschichte halten, w\u00fcnscht der Rezensent einen gro\u00dfen Leserkreis und viel Interesse, \u00fcber die Vergangenheit zu diskutieren, damit die DDR keine Fu\u00dfnote der Geschichte wird.<\/p>\n<p align=\"justify\">Differenzierte Sichtweisen \u00fcber die ersten Gehversuche auf dem Weg zum Sozialismus werden heute immer wichtiger. Dazu leistet dieses Buch einen Beitrag aus der Sicht an der Basis. Von offizieller Seite (wie von b\u00fcrgerlichen Universit\u00e4ten, Instituten und Stiftungen) ist eine solche Arbeit nicht zu erwarten. In der ersten Lesung am 29. April waren sich die Zuh\u00f6rer einig, dass es eine differenzierte Geschichte der DDR nicht gibt, aber unbedingt geschrieben werden sollte.<\/p>\n<p align=\"justify\">Stefan Otto<\/p>\n<p align=\"justify\">(\u201eAlles hat ein Ende \u2013 auch die Marktwirtschaft\u201c von Wolfgang Beck, erste Auflage 270 Seiten, im THK-Verlag zum Preis von 19,90 \u20ac)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 29. April stellte Wolfgang Beck sein Buch in Quedlinburg vor allem den Mitgliedern der Freidenker und des Rotfuchs vor und am 5. Mai in Wernigerode ins besondere seinen ehemaligen Mitarbeitern. Dieses Buch \u201eAlles hat ein Ende \u2013 auch die Marktwirtschaft\u201c erschien dieses Jahr im Rahmen der Rohnstock Biografien. Wer ein differenziertes Bild von der DDR-Wirtschaft finden m\u00f6chte, wird hier nicht entt\u00e4uscht. 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