{"id":1818,"date":"2025-11-07T13:55:46","date_gmt":"2025-11-07T12:55:46","guid":{"rendered":"https:\/\/www.sachsen-anhalt.freidenker.org\/cms\/?p=1818"},"modified":"2025-11-12T00:52:11","modified_gmt":"2025-11-11T23:52:11","slug":"texte-aus-90-jahren-kriegspropaganda-beider-kirchen-von-niemoeller-lilje-wallraff-und-gerdes","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.sachsen-anhalt.freidenker.org\/cms\/?p=1818","title":{"rendered":"Texte aus 90 Jahren Kriegspropaganda beider Kirchen von Niem\u00f6ller, Lilje, Wallraff und Gerdes"},"content":{"rendered":"<p align=\"justify\"><i><a href=\"https:\/\/www.sachsen-anhalt.freidenker.org\/cms\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/20251107_134932-scaled.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-1821\" src=\"https:\/\/www.sachsen-anhalt.freidenker.org\/cms\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/20251107_134932-150x150.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/a>Auf dem diesj\u00e4hrigen Magdeburger Friedensfestival wurde folgender Vortrag gehalten, dessen Text wir mit Genehmigung des Autors ver\u00f6ffentlichen.<\/i><\/p>\n<p align=\"justify\"><b>Texte aus 90 Jahren Kriegspropaganda beider Kirchen von Niem\u00f6ller, Lilje, Wallraff und Gerdes <\/b><\/p>\n<p align=\"justify\">Mein Name ist Johannes Gerdes. Die l\u00e4ngste Zeit meines Lebens war ich ein frommer Christ und ein sehr eifriger Kirchenmusiker. Ich wurde vor 90 Jahren in eine fundamentalistisch-evangelikale Familie hineingeboren und habe alles, was mir als Kind und Jugendlichem in Familie und Gemeinde vermittelt wurde, verinnerlicht und praktiziert. Erst an der Schwelle zum Rentenalter wurde mir nach einem langen und schmerzhaften Prozess des Nachdenkens und Erkennens bewusst, dass ich falsch indoktriniert worden bin. Hauptgrund dieses Umdenkens war die st\u00e4ndig zunehmende Wahrnehmung der verh\u00e4ngnisvollen Affinit\u00e4t des Christentums zu Intoleranz, Gewalt und Krieg, die die behauptete Lehre von Liebe und Barmherzigkeit l\u00fcgen straft. Da diese nach meiner Erkenntnis grundfalsche Behauptung aber nach wie vor weit verbreitet ist, will ich Ihnen beispielhaft einige Texte aus den Jahren meines Lebens zur Kenntnis geben, die mich zu so schwerwiegender Beschuldigung veranlassen.<\/p>\n<p align=\"justify\"><b>Christen an die Front!<\/b><!--more--><\/p>\n<p align=\"justify\">1935, kurz vor meiner Geburt wurde in Deutschland die Wehrpflicht wieder eingef\u00fchrt. Wenig sp\u00e4ter sprach Martin Niem\u00f6ller, einer der bekanntesten deutschen Theologen, der zusammen mit anderen Theologen 1934 die Bekennende Kirche begr\u00fcndet und dann geleitet hat, in der \u00fcberf\u00fcllten Hannoverschen Marktkirche \u00fcber \u201eDen Frieden Gottes als die Kraft des wehrhaften Mannes\u201c.<\/p>\n<p align=\"justify\">Darin sagte er unter anderem:<\/p>\n<p align=\"justify\">Wir, die wir den letzten Krieg mit all seinen Schrecken und mit all seinen furchtbaren Auswirkungen und Nachwirkungen mit durchlebt und durchlitten haben, wir, die wir wahrhaftig zu wissen meinen, dass der Krieg ein \u00dcbel, und zwar ein ganz furchtbares \u00dcbel unter den \u00dcbeln dieser Welt ist, in der wir leben, wir sind gewiss dagegen gefeit, den Krieg zu verherrlichen oder als einen gesunden Aderlass oder als ein heilsames Mittel zur Ausscheidung unt\u00fcchtigen Lebens zu verharmlosen. \u2026<\/p>\n<p align=\"justify\">Aber freilich, dass alle nur menschlichen Bem\u00fchungen doch nicht dahin f\u00fchren, die Kriegsgefahren aus der Welt zu schaffen und den Streit der V\u00f6lker friedlich zu schlichten, das ist f\u00fcr uns heute wieder zur schmerzlichen Erkenntnis geworden. Und dass ein wehrloses Volk eine st\u00e4ndige Versuchung und ein dauernder Anreiz zu kriegerischen \u00dcberf\u00e4llen ist und bleibt, haben wir als Tatsache anzuerkennen. \u2026<\/p>\n<p align=\"justify\">Gott hat die von ihm geschaffene und von ihm abgefallene Welt unter das Gesetz gestellt und der Obrigkeit den Befehl gegeben, das Gesetz zu h\u00fcten und dem B\u00f6sen zu wehren. Dazu tr\u00e4gt sie das Schwert, dazu hat sie Polizei und Gerichte und Gef\u00e4ngnisse und Henker. Und so hat die weltliche Macht des Staates auch das Leben des Volkes zu sch\u00fctzen und notfalls mit der Waffe, die ihr gegeben ist, zu verteidigen; und wir sind ihr zu dem Dienst verpflichtet, den sie dazu von uns fordert. \u2026<\/p>\n<p align=\"justify\">Ein Krieg kann ein furchtbares Verbrechen sein, er kann aber auch ein Notwerk sein, dem sich ein Staat um Gottes willen unterziehen muss, wenn er sich nicht seinem g\u00f6ttlichen Auftrag versagen will. \u2026<\/p>\n<p align=\"justify\">Jedenfalls ist es heute nicht nur erlaubt, sondern geboten und notwendig, dass ein Staat, der den Auftrag hat, ein Volk vor dem Unrecht zu sch\u00fctzen, daf\u00fcr Sorge tr\u00e4gt, dass er &#8211; f\u00fcr den Fall, dass alle andern Mittel nicht mehr ausreichen &#8211; \u00fcber eine Wehrmacht verf\u00fcgt, die eine Warnung darstellt an alle, die sich mit b\u00f6sen Pl\u00e4nen tragen, und die n\u00f6tigenfalls einem Angriff auf Recht und Leben der Nation k\u00e4mpfend begegnen kann. \u2026<\/p>\n<p align=\"justify\">W\u00e4re Kriegsdienst an sich wider Gottes Gebot, dann h\u00e4tten wir gar nichts dazu zu sagen, sondern k\u00f6nnten nur warnen, sich nicht leichtfertig mit dem Teufel einzulassen. Aber es geht hier um ein echtes weltliches Amt, das f\u00fcr diese Welt n\u00f6tig ist und das ebensowenig mit dem Hinweis auf das f\u00fcnfte Gebot: <i>\u201eDu sollst nicht t\u00f6ten!\u201c<\/i> abgetan werden kann, wie das Richteramt unter Jesu Wort f\u00e4llt: <i>\u201eRichtet nicht, auf dass ihr nicht gerichtet werdet! <\/i>\u201c \u2026<\/p>\n<p align=\"justify\">Auch wenn wir wissen, dass alles Kriegf\u00fchren wie alles Richten und Strafen eine Folge der S\u00fcnde und darum ein \u00dcbel ist und bleibt, sehen wir in dem wiedererstandenen Wehrwillen unseres Volkes und Staates eine R\u00fcckkehr in die harte Wirklichkeit einer Welt, die keinen wahren Frieden kennt und dem \u00dcbel immer nur wehren, es aber nicht fortschaffen kann. Und wir sehen in dem wehrhaften Mann, der die Waffe tr\u00e4gt im Dienst der Nation, den christlichen Bruder, dem mitten in seinem weltlichen Amt die frohe Botschaft von Jesus Christus gilt. \u2026<\/p>\n<p align=\"justify\">Die Frage ist uns gestellt, ob ein Christ ein wehrhafter Mann und ein wehrhafter Mann ein Christ sein k\u00f6nne. \u2026<\/p>\n<p align=\"justify\">Und wir tun recht daran, wenn wir zur Wehrhaftmachung unserer Nation auch und vor allem die Bem\u00fchungen rechnen, die die geistige Wiederaufr\u00fcstung betreiben, die die Liebe zu Volk und Land, den Willen zum Opfer und zur Hingabe und die Entschlossenheit, das Wohl des Ganzen \u00fcber das Gl\u00fcck des Einzelnen zu stellen, wecken und st\u00e4rken wollen. \u2026<\/p>\n<p align=\"justify\">Das Bild des wehrhaften Mannes aber sollte wahrlich anders aussehen, als es sich uns so darstellt. Es sollte nicht die Z\u00fcge unseres bald trotzigen, bald verzagten Herzens widerspiegeln, sondern erkennen lassen, dass wir als wehrhafte M\u00e4nner dort, wo wir die Waffe tragen und f\u00fchren, in einem Amte stehen, das Gott dem Staate und durch ihn uns gegeben und anbefohlen hat. \u2026<\/p>\n<p align=\"justify\">Ob Frieden oder Krieg unser warten, steht nicht bei uns; aber gewiss gehen wir keinen leichten, sondern harten Zeiten entgegen. Wir werden einen Existenzkampf zu f\u00fchren haben bis aufs Blut und stehen wohl schon mittendrin. \u2026<\/p>\n<p align=\"justify\">Das sind aber die Zeiten, in denen es hei\u00dft: <i>Die Christen an die Front! <\/i>Und es wird sich hier beweisen m\u00fcssen, ob der Friede Gottes die Kraft ist, in der wir unserm Volk und Reich in echter Wehrhaftigkeit dienen: gehorsam, tapfer, furchtlos und treu. Gott aber helfe uns dazu!<i> <\/i><\/p>\n<p align=\"justify\">Die Rekruten, die nun massenweise zum Milit\u00e4rdienst eingezogen wurden, wurden in besonderen Gottesdiensten eingesegnet. Daf\u00fcr verordnete die Bekennende Kirche dieses Gebet:<\/p>\n<p align=\"justify\">\u2026 Lass die M\u00e4nner, die in diesen Tagen in die Reihen unseres Heeres treten, ihren Dienst beginnen in Freudigkeit, in der Zucht deines Willens und in der Mannhaftigkeit deines Friedens. Denn dein Wille steht wider alle Zuchtlosigkeit, dein Friede ist die Kraft des wehrhaften Mannes. \u2026<\/p>\n<p align=\"justify\">Hermann Kunst, 1939 &#8211; 1945 Kriegspfarrer der Wehrmacht, 1957 &#8211; 1972 erster Milit\u00e4rbischof der Bundeswehr, sagte bei einem solchen Gottesdienst: Ihr seid bis an euer Lebensende keine Privatpersonen mehr, sondern eine dem F\u00fchrer verschworene Kampfgemeinschaft. Keine \u00dcberlegung, kein Reiferwerden entbindet euch von diesem Eid. \u2026<\/p>\n<p align=\"justify\">\u00c4u\u00dferten Christen beider Konfessionen sp\u00e4ter Zweifel an der moralischen Rechtm\u00e4\u00dfigkeit ihres bedingungslosen soldatischen Gehorsams, wurden sie von ihren Seelsorgern massiv unter Druck gesetzt mit dem religi\u00f6s begr\u00fcndeten Hinweis darauf, dass der Fahneneid \u00fcber allen moralischen Bedenken und Verpflichtungen stehe. Im Extremfall wurde z.B. Franz Reinisch, einem als Kriegsdienstverweigerer zum Tode verurteilten \u00f6sterreichischen Pater, vor der Hinrichtung sogar die Kommunion verweigert.<\/p>\n<p align=\"justify\">In der Schrift \u201eDer Krieg als geistige Leistung\u201c von Hanns Lilje, einem der f\u00fchrenden K\u00f6pfe der Bekennenden Kirche, die 1941 massenweise im Heer verteilt wurde, ist zu lesen:<\/p>\n<p align=\"justify\">Sch\u00f6pferisch ist der Krieg in dem Sinn, dass er ein Teil aus Gottes Wirken ist, und Gottes Wirken kann darin bestehen, dass er dem Neuen Raum schafft, indem er Altes der Zerst\u00f6rung anheimfallen l\u00e4sst. \u2026 Darin, dass der Krieg dem Werden einer neuen geschichtlichen Ordnung dient, besteht seine W\u00fcrde. \u2026 Die geistige Leistung, die der Krieg von dem Einzelnen fordert, besteht darin, dass er mit allen geistigen und sittlichen Mitteln, die ihm Gott gibt, sich seinem Schicksal zu stellen trachtet, jenem gro\u00dfen, einmaligen Schicksal seines Lebens, das ihm im Kriege mit einer Deutlichkeit und Dringlichkeit gegen\u00fcbertritt, der er nicht ausweichen kann. \u2026 Man muss von stichhaltigen Gr\u00fcnden wissen und von einer mehr als menschlichen Vollmacht, wenn man den Einzelnen oder ein Volk zu diesem Opfer rufen will. \u2026 Da muss nicht nur auf den Koppelschl\u00f6ssern der Soldaten, sondern in Herz und Gewissen stehen: \u201e<i>Mit Gott!\u201c <\/i>Nur im Namen Gottes kann man dieses Opfer legitimieren. \u2026<\/p>\n<p align=\"justify\"><b>Die zum Himmel schreiende L\u00fcge vom Kampf der Bekennenden Kirche gegen den NS-Staat<\/b><\/p>\n<p align=\"justify\">Im Dritten Reich herrschte in Deutschland ein Kirchenkampf, der sp\u00e4ter als Kampf der Bekennenden Kirche gegen den nationalsozialistischen Staat bezeichnet wurde. Das ist eine L\u00fcge, auch wenn es bis heute von fast allen Deutschen geglaubt wird. Die Bekennende Kirche hat ebenso wie alle protestantischen Landeskirchen und katholischen Bist\u00fcmer alle Ma\u00dfnahmen Hitlers zur Vorbereitung des 2. Weltkrieges begr\u00fc\u00dft und unterst\u00fctzt. Ihr Kampf richtete sich haupts\u00e4chlich gegen die von Rosenberg und Ludendorff angef\u00fchrten Deutschen Christen, mit denen sie in Denkschriften und anderen Aktionen um die Gunst Adolf Hitlers konkurrierte. Karl Barth, der wichtigste Theologe der Bekennenden Kirche, ma\u00dfgeblich beteiligt an der Formulierung der Thesen der Barmer Theologischen Erkl\u00e4rung von 1934, war seinen Kollegen in deren Leitung bei ihrer Anbiederung an den NS-Staat sehr bald unbequem, ja untragbar, und wurde als geb\u00fcrtiger Schweizer schon im folgenden Jahr nicht nur aus dem Leitungsgremium, sondern aus Deutschland \u00fcberhaupt hinaus gemobbt. Aus der F\u00fclle vieler den Krieg propagierender Aktivit\u00e4ten beider Kirchen, die ich erfahren und erlebt habe, teile ich ihnen nachfolgend einige Splitter mit.<\/p>\n<p align=\"justify\">Nach dem Anschluss \u00d6sterreichs verordnete die Bekennende Kirche 1938 folgenden Text zur Verlesung in den Gottesdiensten ihrer Gemeinden:<\/p>\n<p align=\"justify\">Das Geschehen der letzten Wochen, das Werden des Gro\u00dfdeutschen Reiches, der Entscheid des Volkes und die Wahl des ersten Gro\u00dfdeutschen Reichstages bewegen die gesamte evangelische Kirche und auch unsere Gemeinden aufs tiefste. Was wir an Dank und Bitte auf dem Herzen tragen, bringen wir im Gebet vor den allm\u00e4chtigen Gott. Wir schlie\u00dfen uns mit allen Bekennenden Gemeinden Deutschlands zusammen in dem Gebet, das die vorl\u00e4ufige Leitung der Deutschen Evangelischen Kirche uns f\u00fcr den heutigen Tag dargereicht hat:<\/p>\n<p align=\"justify\">Herr unser Gott, du f\u00fchrst unser Volk durch entscheidende Tage seiner Geschichte. Du l\u00e4sst unsere deutschen Br\u00fcder in \u00d6sterreich in das Deutsche Reich zur\u00fcckkehren. Du schenkst unserer Kirche die Vereinigung mit den evangelischen Gemeinden der deutschen Ostmark, die ihren Glauben in jahrhundertelangem Ringen verteidigen musste. Herr, wir loben Deinen Namen und bitten: Leite F\u00fchrer und Volk nach Deinem heiligen Willen, lass Deine Gnade gro\u00df werden \u00fcber unserer ganzen deutschen evangelischen Kirche.<\/p>\n<p align=\"justify\">Nach dem \u00dcberfall auf Polen (1939) schlie\u00dft sich die Bekennende Kirche dem Aufruf der Deutschen Evangelischen Kirche an:<\/p>\n<p align=\"justify\">Seit dem gestrigen Tag steht unser deutsches Volk im Kampf f\u00fcr das Land seiner V\u00e4ter, damit deutsches Blut zu deutschem Blute heimkehren darf. Die Deutsche Evangelische Kirche stand immer in treuer Verbundenheit zum Schicksal des deutschen Volkes. Zu den Waffen aus Stahl hat sie un\u00fcberwindliche Kr\u00e4fte aus dem Wort Gottes gereicht: die Zuversicht des Glaubens, dass unser Volk und jeder Einzelne in Gottes Hand steht, und die Kraft des Gebetes, die uns in guten und b\u00f6sen Tagen stark macht. So vereinigen wir uns auch in dieser Stunde mit unserem Volk in der F\u00fcrbitte f\u00fcr F\u00fchrer und Reich, f\u00fcr die gesamte Wehrmacht und alle, die in der Heimat ihren Dienst f\u00fcr das Vaterland tun. Gott helfe uns, dass wir treu erfunden werden, und schenke uns einen Frieden der Gerechtigkeit.<\/p>\n<p align=\"justify\">Theophil Wurm, als Bischof der ev. Landeskirche W\u00fcrttembergs auch ein Wortf\u00fchrer der Bekennenden Kirche, schlie\u00dft einen Kanzelaufruf in diesen Tagen mit den Worten:<\/p>\n<p align=\"justify\">\u2026 Gott ist unsere Zuversicht und St\u00e4rke. Im Aufblick zu ihm stehen wir fest und treu zu unserem Volk. Ihn flehen wir an f\u00fcr Volk und F\u00fchrer, f\u00fcr Heimat und Heer. Ihm \u00fcbergeben wir alle unsere Lieben in der N\u00e4he und in der Ferne. Ihn bitten wir, dass er uns ausr\u00fcste f\u00fcr unseren Dienst hinieden und uns aushelfe zu seinem himmlischen Reich! Amen.<\/p>\n<p align=\"justify\">Noch als pers\u00f6nlicher Gefangener Adolf Hitlers bat Niem\u00f6ller nach Kriegsausbruch darum, seine Erfahrung als U-Boot-Kommandant im 1. Weltkrieg und sp\u00e4ter als Offizier der \u201eSchwarzen Reichswehr\u201c bei der Niederschlagung des Spartakus-Aufstandes im Ruhrgebiet an der Front bew\u00e4hren zu d\u00fcrfen.<\/p>\n<p align=\"justify\">Die Frauen und M\u00fctter daheim ermahnte die Evangelische Reichsfrauenhilfe:<\/p>\n<p align=\"justify\">Der F\u00fchrer hat das Volk aufgerufen zur Verteidigung seiner Lebensrechte. Die M\u00e4nner stehen unter den Waffen. Auf den Frauen und M\u00fcttern ruht eine gro\u00dfe Verantwortung, gr\u00f6\u00dfer denn je. \u2026 Wie eure M\u00e4nner und S\u00f6hne drau\u00dfen die Heimat sch\u00fctzen, so m\u00fcsst ihr die Heimat von innen sch\u00fctzen gegen den inneren Feind, gegen den Geist der Sorge, gegen alle M\u00e4chte der Zersetzung. Treue und Opferwilligkeit, G\u00fcte und Hilfsbereitschaft, Ehrlichkeit und Ehrbarkeit sollen unter uns herrschen&#8230;<\/p>\n<p align=\"justify\">Schon vier Wochen nach den Bittgottesdiensten des 3. September konnte die Deutsche Evangelische Kirche am Erntedankfest 1939 Gott und Adolf Hitler Dank sagen f\u00fcr die gewaltige Ernte auf dem Schlachtfeld:<\/p>\n<p align=\"justify\">\u2026 Wir danken Gott, dass er unseren Waffen einen schnellen Sieg gegeben hat. Wir danken ihm, dass uralter deutscher Boden zum Vaterland heimkehren durfte und unsere deutschen Br\u00fcder nunmehr frei und in ihrer Zunge Gott im Himmel Lieder singen k\u00f6nnen. Wir danken ihm, dass jahrzehntealtes Unrecht durch das Geschenk seiner Gnade zerbrochen und die Bahn freigemacht ist f\u00fcr eine neue Ordnung der V\u00f6lker, f\u00fcr einen Frieden der Ehre und Gerechtigkeit. Und mit dem Dank gegen Gott verbinden wir den Dank gegen alle, die in wenigen Wochen eine solche gewaltige Wende heraufgef\u00fchrt haben: gegen den F\u00fchrer und seine Generale, gegen unsere tapferen Soldaten auf dem Lande, zu Wasser und in der Luft, die freudig ihr Leben f\u00fcr das Vaterland eingesetzt haben. Wir loben Dich droben, Du Lenker der Schlachten, und flehen, m\u00f6gst stehen uns fernerhin bei.<\/p>\n<p align=\"justify\">Amen!<\/p>\n<p align=\"justify\">Aus Anlass des Sieges und im Gedenken an die gefallenen Soldaten l\u00e4uteten in Gro\u00dfdeutschland eine Woche lang &#8211; mittags von zw\u00f6lf bis eins &#8211; alle Kirchenglocken.<\/p>\n<p align=\"justify\">Jeden Blitzkrieg und Blitzsieg begleitete die Agende der Feldgeistlichen mit neuen Gebeten.<\/p>\n<p align=\"justify\">Zum \u00dcberfall auf die Niederlande (1939):<\/p>\n<p align=\"justify\">Herr, unser Gott, Du hast Krieg \u00fcber uns kommen lassen. Lass uns jetzt erfahren, dass Du eine Feste bist zur Zeit der Not! \u2026 Sch\u00fctze den F\u00fchrer unseres Volkes und gib ihm weisen Rat, unserem Heere aber verleihe tapferen Mut und einen starken Arm. Hilf uns, die Opfer, die der Krieg fordert an Gut und Blut, willig zu tragen. \u2026<\/p>\n<p align=\"justify\">Zur Eroberung Belgiens und Luxemburgs (1939):<\/p>\n<p align=\"justify\">Allm\u00e4chtiger Gott, \u2026 segne den F\u00fchrer unseres Volkes und hilf ihm, das schwere Werk der Verteidigung unseres Vaterlandes \u2026 durchzuf\u00fchren mit Tatkraft und Entschlossenheit. \u2026<\/p>\n<p align=\"justify\">Zum Einzug in Paris (1940):<\/p>\n<p align=\"justify\">Herr, unser Gott, wir gedenken in besonderer Weise des F\u00fchrers und Kanzlers unseres Volkes. Du hast ihn bisher mit deiner Barmherzigkeit geleitet und sein Wirken im Frieden wie im Kriege mit Erfolg gekr\u00f6nt. Du hast unter deiner F\u00fchrung unser Vaterland beh\u00fctet und bewahrt. Daf\u00fcr danken wir dir von ganzem Herzen. Wir bitten dich: Gib Gnade, dass er seines schweren Amtes auch ferner in Segen walten m\u00f6ge. Gib ihm rechten Rat und rechte Tat zur rechten Zeit. \u2026<\/p>\n<p align=\"justify\">Den \u00dcberfall auf die Sowjetunion quittierte man 1941 mit diesem Telegramm an Adolf Hitler:<\/p>\n<p align=\"justify\">Der geistliche Vertrauensrat der Deutschen Evangelischen Kirche versichert Ihnen, mein F\u00fchrer, in diesen hinrei\u00dfend bewegten Stunden aufs neue die unwandelbare Treue und Einsatzbereitschaft der gesamten evangelischen Christenheit des Reiches. Sie haben, mein F\u00fchrer, die bolschewistische Gefahr im eigenen Land gebannt und rufen nun unser Volk und die V\u00f6lker Europas zum entscheidenden Waffengang gegen den Todfeind aller Ordnung und aller abendl\u00e4ndisch-christlichen Kultur auf. Das deutsche Volk und mit ihm alle seine christlichen Glieder danken Ihnen f\u00fcr diese Tat. \u2026 Der allm\u00e4chtige Gott wolle Ihnen und unserm Volk beistehen, dass wir gegen den doppelten Feind den Sieg gewinnen. \u2026<\/p>\n<p align=\"justify\">Kaum war im Mai 1945 die Kapitulation der Wehrmacht unterzeichnet, wendete sich das Blatt. Angeblich hatte die Bekennende Kirche standhaft dem NS-Staat widerstanden. Hatte 1940 beim Neujahrsempfang des F\u00fchrers der p\u00e4pstliche Nuntius Cesare Orsenigo von der Gestapo inhaftierte und gefolterte Priester noch als \u201eM\u00e4rtyrer ihrer eigenen Dummheit\u201c bezeichnet, so wurden jetzt Reinhold Schneider, Dietrich Bonhoeffer und ihre Leidensgenossen als Blutzeugen dieses Kampfes heroisiert. Die guten Verbindungen zum \u00f6kumenischen Rat der Kirchen wurden erfolgreich genutzt, um bei den westlichen Besatzungsm\u00e4chten zu erreichen, dass die sogenannte Entnazifizierung kirchlicher Gremien und W\u00fcrdentr\u00e4ger den Kirchen \u00fcberlassen wurde. Im Ergebnis verlor nicht ein einziger Pr\u00e4lat oder Bischof sein Amt und auch die unteren Chargen wurden angemessen versorgt und untergebracht. Die ganz wenigen Kirchenhistoriker, die sich f\u00fcr eine redliche Aufarbeitung der kirchlichen NS-Vergangenheit einsetzten, wurden als Nestbeschmutzer verleumdet, diffamiert und ausgegrenzt.<\/p>\n<p align=\"justify\"><b>Atombomben im Dienst der N\u00e4chstenliebe<\/b><\/p>\n<p align=\"justify\">Im Zuge der Remilitarisierung der BRD wurde sehr bald auch ein Milit\u00e4rseelsorgevertrag angestrebt. Auf einer Tagung der EKD-Synode am 29.6.1956 hatte die Mehrheit der Synodalen gefordert (Zitat), \u201eendg\u00fcltige Ma\u00dfnahmen zur Ordnung der Milit\u00e4rseelsorge noch nicht zu treffen\u201c<\/p>\n<p align=\"justify\">(Zitatende). Bischof Dibelius aber setzte sich als Vorsitzender des Rates der EKD \u00fcber dieses Votum hinweg und unterzeichnete am 22.2.1957 unmittelbar vor der n\u00e4chsten Tagung den l\u00e4ngst vorbereiteten Vertrag mit der Bundesregierung &#8211; ein aus kirchenhistorischer Sicht ungeheuerlicher Vorgang. Die EKD war und ist nach dem Willen ihrer Gr\u00fcnder keine Kirche, sondern lediglich ein Kirchenbund. Kirchengesetzliche Bestimmungen mit Wirkung f\u00fcr die Gliedkirchen kann die EKD nur mit deren Zustimmung erlassen. Wie Jens M\u00fcller-Kent in seiner Dissertation zur Milit\u00e4r-seelsorge wahrheitsgem\u00e4\u00df konstatiert, schuf der Rat der EKD mit seinen Entscheidungen zur Milit\u00e4rseelsorge Tatsachen, die die landeskirchliche und synodale Willensbildung au\u00dfer Kraft setzten. Dass der Rat der EKD den Beschluss der Synode von 1956 v\u00f6llig ignoriert habe, sei Ausdruck besonderer Geringsch\u00e4tzung gewesen. Unwidersprochen lehnte es auf der unmittelbar folgenden Synode im M\u00e4rz 1957 folgerichtig dann der Synodale Prof. Walter K\u00fcnneth, einer der Wortf\u00fchrer der frommen Kriegsbef\u00fcrworter ab, \u201eden Beruf des Waffentr\u00e4gers kritisch-moralisch in Frage zu stellen, indem man etwa sagt: Mit dem Maschinengewehr darfst du schie\u00dfen, aber h\u00fcte dich, Atomwaffen zu gebrauchen! Auch Atombomben k\u00f6nnen in den Dienst der N\u00e4chstenliebe treten.\u201c Und 1983 klagte Dekan Sixt auf dem Konvent der Milit\u00e4rpfarrer dar\u00fcber, dass einer seiner Milit\u00e4rseelsorger unter der \u201eFriedenshetze\u201c im Raum der Kirche \u201eseelisch und k\u00f6rperlich fast zerbrochen sei\u201c.<\/p>\n<p align=\"justify\"><b>Auch Napalm muss nicht S\u00fcnde sein<\/b><\/p>\n<p align=\"justify\">W\u00e4hrend des Vietnamkrieges, als der Einsatz von Napalmbomben in aller Welt Entsetzen ausl\u00f6ste, konfrontierte der f\u00fcr seine undercover-Recherchen bekannte Journalist G\u00fcnter Wallraff in der Rolle eines von Gewissensfragen gequ\u00e4lten frommen Chemie-Fabrikanten, der ein Verfahren entwickelt hat, Napalm sehr viel billiger herzustellen, etliche Theologen mit der Frage, ob es S\u00fcnde sei, damit gigantische Gewinne zu erzielen und berichtete dar\u00fcber in einer seiner \u201eUnerw\u00fcnschten Reportagen\u201c :<\/p>\n<p align=\"justify\">\u2026 Zuerst rufe ich bei der katholischen Telefonseelsorge in Frankfurt an. Der diensttuende Kaplan ist gefasst. Seine erste Reaktion: \u201eIn Ihrer Haut m\u00f6chte ich nicht stecken.\u201c Ebenso spontan sein Rat: \u201cIch w\u00fcrde es nicht tun. \u2026 Bei dieser f\u00fcrchterlichen Sache in Vietnam, wo die Amis so brutal vorgehen \u2026\u201c Au\u00dferdem, da ich das Napalm billiger liefern w\u00fcrde als andere Firmen, w\u00e4re es sogar eine \u201efinanzielle Unterst\u00fctzung des Krieges\u201c. Und \u201eselbst wenn dieser Krieg gerechtfertigt w\u00e4re\u201c &#8211; was er nicht annimmt &#8211; \u201estellt sich diese moralische Frage bei einem Mittel, das derartig f\u00fcrchterliche Verletzungen hervorruft\u201c. Ich danke ihm und sage, dass ich es nicht liefern werde. Noch ein paar Stichproben mit gleichem Ergebnis, und die mir selbst nicht ganz geheure Anfrage d\u00fcrfte erledigt sein. Es kommt anders. In der Kirche einer nahen Kleinstadt stelle ich meine Frage zum zweiten Mal. Ein junger Kaplan h\u00f6rt mir zu, und ich erz\u00e4hle wieder die Geschichte von dem Auftrag und dem Bombengewinn, der dabei herausspringen w\u00fcrde. Ich schlie\u00dfe: \u201eMeinen sie, dass ich mich mitschuldig mache?\u201c Er sieht das Problem von einer anderen Seite: \u201eNein, von Schuld kann keine Rede sein. Es ist lediglich eine Entscheidung, die man pers\u00f6nlich f\u00e4llen und mit Gott beratschlagen muss.\u201c Es sei auch ganz gleich, \u201ewie ich mich entscheide, so oder so. Die Hauptsache, es ist eine Entscheidung mit Gott.\u201c \u2026<\/p>\n<p align=\"justify\">Am n\u00e4chsten Tag gehe ich in ein Kloster und wende mich an den Bruder Pf\u00f6rtner: \u201eIch brauche einen Rat. Ich m\u00f6chte gern einen Priester sprechen.\u201c Nach f\u00fcnf Minuten erscheint ein etwa 70j\u00e4hriger M\u00f6nch in schwarzer Kutte. Ich erz\u00e4hle meine Geschichte. Er: \u201cNapalm, was ist denn das?\u201c und: \u201eVietnam, was geht denn da eigentlich vor?\u201c Ich beschreibe ihm die Wirkung von Napalm: \u201eEs ist schlimmer als Phosphor, brennt sich in das Fleisch ein und kann nicht gel\u00f6scht werden. Das Fleisch der Opfer schmilzt in Klumpen und eitert. Ich habe Bilder von Kindern gesehen, die Opfer eines Napalm-Angriffs geworden sind. Es waren die grauenvollsten Verst\u00fcmmelungen, die man sich vorstellen kann.\u201c Er zerstreut meine Bedenken: \u201eDa brauchen Sie eigentlich keine Gewissensbisse zu haben. Sie setzen die Bombe ja nicht ein, und ob sie \u00fcberhaupt eingesetzt oder gelagert wird, ist dann noch eine zweite Frage.\u201c Er spricht sehr abgekl\u00e4rt. \u201eDas ist genauso, wie wenn jetzt der Einzelne zum Milit\u00e4r muss. Da kann er ja auch nichts machen. Die Verantwor-tung ist immer bei den Gro\u00dfen, das ist klar!\u201c Ich: \u201eWeil wir es soviel billiger herstellen, k\u00f6nnte es sein, dass wir den Krieg verl\u00e4ngern helfen.\u201c Er unterbricht: \u201cNun ja, mein Lieber, Sie k\u00f6nnten ihn aber auch abk\u00fcrzen helfen.\u201c (Ein Argument, das auch den Einsatz der Hiroshima-Bombe rechtfer-tigen sollte.) Er entl\u00e4sst mich mit der Versicherung: \u201eGlauben Sie, der kleine Mann kann da \u00fcber-haupt nichts tun. Damit muss man einfach fertig werden. Die Gefahr einer Gewissensbelastung sehe ich in Ihrem Fall ganz bestimmt nicht.\u201c Aber er f\u00fcgt noch hinzu: \u201eSehen Sie zu, dass Sie nicht ein-seitig in den Gewinnsog hineinstrudeln. Mit dem Geld k\u00f6nnen Sie ja dann auch allerhand Gutes tun.<\/p>\n<p align=\"justify\">Ein Jesuit ist sehr sachlich: \u201eFragt sich, ob Sie, wenn Sie den Auftrag ablehnen, \u00fcberhaupt etwas verhindern k\u00f6nnen. Au\u00dferdem setzen Sie das Zeug ja schlie\u00dflich nicht ein. Sie bleiben im Hintergrund. Das ist eine Regierungsentscheidung.\u201c Er bringt ein Gleichnis: \u201eDas ist die gleiche Frage wie mit dem Messer. Wenn ich Messer verkaufe und es kommt einer, von dem ich wei\u00df, der bringt damit einen um. Gleichzeitig wei\u00df ich aber auch, der ist so fanatisch, der klappert noch f\u00fcnf weitere Gesch\u00e4fte ab, bis er sein Messer bekommt, auch wenn er den doppelten Preis daf\u00fcr bezah-len muss. Da w\u00fcrde ich es ihm halt verkaufen. Ich bin schlie\u00dflich Gesch\u00e4ftsmann.\u201c Mein Einwand: \u201eWenn jeder so denkt, &#8230;\u201c macht ihn etwas unsicher. \u201eNun ja ich h\u00e4tte auch Hemmungen, aber wie weit man sich die ausreden kann, ist eine Frage der Vernunft.\u201c \u2026<\/p>\n<p align=\"justify\">Danach Besuche bei neun weiteren Priestern und Kapl\u00e4nen. Vier davon raten mir klar zu. Nur einer sagt, ich solle die Finger davon lassen. \u2026<\/p>\n<p align=\"justify\">Am Telefon frage ich Prof. Klomps, eine Kapazit\u00e4t in allen Fragen der Moral und Lehrer am K\u00f6lner Priesterseminar: \u201eWas w\u00fcrden Sie machen, wenn Sie in meiner Haut steckten?\u201c Klomps: \u201eEs spielen da viele Erw\u00e4gungen eine Rolle, aber ich w\u00fcrde es machen.\u201c Auch er hat gleich ein Beispiel zur Hand, nachdem ich ihm die verheerende Wirkung der Napalmbombe geschildert habe: \u201eDie bisch\u00f6fliche Weinkellerei in Trier, die liefern ja ihren Wein in die ganze Welt, und die k\u00f6nnen ja auch nichts daf\u00fcr, wenn er dann in s\u00fcndhaften Nachtlokalen ausgeschenkt wird, wo auch Nacktt\u00e4nze stattfinden. Da kann man das doch auch nicht dem Konvikt in Trier in die Schuhe schieben. Wir werden halt immer in Dinge verstrickt, die wir im Grunde nicht gewollt haben.\u201c \u2026<\/p>\n<p align=\"justify\">Prof. Hirschmann, Jesuit aus dem Konvikt St. Georgen in Frankfurt, ist mir von mehreren Pfarrern als der Experte schlechthin auf diesem Gebiet genannt worden. Ich frage ihn: \u201eSie meinen also, dass ich da Schuld auf mich nehme, wenn ich das Napalm liefere?\u201c Er: \u201eDas kann man nicht unbedingt so sagen. Das Entscheidende ist, wo und wie wird es eingesetzt.\u201c (Prof. Hirschmann war Konzilsberater in diesen Dingen und ist ma\u00dfgeblicher Berater der Fuldaer Bischofskonferenz.) Ich: \u201eWie kann ich als Unternehmer wissen, wie und wo es im speziellen Fall eingesetzt wird. F\u00fcr mich ist das eine grunds\u00e4tzliche Frage.\u201c Er ist anderer Ansicht. F\u00fcr ihn ist das \u00fcberhaupt keine moralische, sondern eine \u201emilit\u00e4rtechnische\u201c Frage. Deshalb verweist er mich an das Milit\u00e4rbischofsamt Bonn: \u201eGeneralvikar Gritz ist ein Mann, der bei milit\u00e4rischer Planung genauer Bescheid wei\u00df. Auch kennt er Offiziere, die bei milit\u00e4rischer Planung ein Wort mitzureden haben. Generalvikar Gritz befindet sich auf einer Bischofsvisitation bei der Bundeswehr. Sein Stellvertreter, Pr\u00e4lat Steeger, nimmt sich daf\u00fcr meiner an. Er ist sehr vorsichtig: \u201eOffengestanden, am Telefon m\u00f6chte ich dazu nicht viel sagen.\u201c Aber dann sagt er doch: \u201eF\u00fcr eine gerechte Sache darf man so etwas tun. Ob es eine gerechte Sache ist, das kann ihnen der Moraltheologe mit seinem Handwerkszeug auch nicht sagen. Das ist eine politische Frage.\u201c Und er verweist mich an die n\u00e4chste Instanz: \u201eDas m\u00fcsste ein Bundestagsabgeordneter sein, der sich mit Au\u00dfenpolitik ausf\u00fchrlich besch\u00e4ftigt.\u201c \u2026<\/p>\n<p align=\"justify\">Dann probiere ich es bei Prof. Egenter in M\u00fcnchen. Der ist mir als besonders gewissenhaft empfoh-len worden. Napalm kennt er jedoch nicht: \u201eSind das denn Brandbomben?\u201c Trotzdem urteilt er: \u201eIch meine, man kann eben auch Napalmbomben in einer menschlich korrekten Kriegsf\u00fchrung an-wenden. \u2026 Es ist ja auch eine Granate, auch ein Bajonett kein angenehmes Instrument.\u201c \u2026 Er glaubt auch nicht, \u201edass die Amerikaner die Napalmbomben im wesentlichen gegen Zivilisten einsetzen.\u201c Aber: \u201eIch mein, dass so etwas immer wieder mal vorkommt, das liegt schlie\u00dflich im Bereich des menschlichen Versagens.\u201c Au\u00dferdem: \u201e Die brauchen die Napalmbombe ja wahrscheinlich nur, um den Dschungel zu verbrennen.\u201c \u201eJa\u201c, sage ich: \u201eich glaube die Amerikaner nennen das, den Dschungel zu entlauben, obwohl hin und wieder auch ein Dorf dran glauben muss.\u201c Er: \u201eIch w\u00fcrde ja vor jedem Respekt haben, der sagt: Das kann ich nicht auf mein Gewissen nehmen. Ich w\u00fcrde aber auch keinen verachten, der sagt: Ich halte es unter diesen Umst\u00e4nden f\u00fcr richtig.\u201c Anschlie\u00dfend nennt er sich selbst als Beispiel: \u201eIch bin da schon sehr angegriffen worden wegen meiner Stellung zu den Atombomben.\u201c Denn er \u201ebringt es einfach nicht fertig zu sagen, sie seien schlechthin unerlaubt \u2026 Wenn man bedenkt, was der Menschheit droht, wenn die freie Welt vom Kommunismus \u00fcberfallen wird.\u201c In einem dreifachen Sinn erteilt er mir im voraus Absolution: \u201e1. Der Zweck, zu dem es eingesetzt wird ist, aufs Ganze gesehen, ein guter. 2. Es bewegt sich im Rahmen dessen, was man konventionelle Kriegsf\u00fchrung nennt. 3. Wenn Sie es nicht herstellen, stellen andere es her.\u201c \u2026<\/p>\n<p align=\"justify\">Prof. Auer, W\u00fcrzburg, ebenfalls ein prominenter Moraltheologe, gibt zu: \u201eDas ist nat\u00fcrlich eine sehr schwierige Frage\u201c, schr\u00e4nkt aber gleich darauf ein: \u201eobwohl es sich dabei ja nicht um Atomwaffen handelt, sondern um eine fast noch traditionelle Sache.\u201c Grunds\u00e4tzlich hat er nichts gegen den Krieg der Amerikaner in Vietnam: \u201eIch w\u00fcrde doch sagen, dass die Amerikaner echte Gr\u00fcnde haben, positive Gr\u00fcnde, diesen Krieg zu f\u00fchren.\u201c &#8211; Er hat andere Bedenken: \u201eWirkt das nur auf die Menschen, die es unmittelbar trifft, oder hat es eine Streuwirkung?\u201c Ich: \u201e Wenn es flie\u00dft, dann breitet es sich sehr schnell aus.\u201c Er: \u201eOh, das ist au\u00dferordentlich schwierig.\u201c Ich: \u201eSie meinen, ich mache mich mitschuldig?\u201c Er: \u201eWenn Sie sonst eine Waffe herstellen, m\u00fcssen Sie auch gew\u00e4rtig sein, dass Unschuldige getroffen werden. Das w\u00fcrde mich eigentlich nicht beunruhigen. Mich beunruhigt nur, ob hier nicht noch etwas zu einer normalen Waffe Zus\u00e4tzliches eingesetzt wird, das nicht mehr als menschlich bezeichnet werden kann.\u201c Ich: \u201eIst es nicht vielmehr das Neue, vor dem man erschrickt?. Wenn man die ersten Bomben h\u00e4tte liefern sollen, h\u00e4tte man sicher auch Bedenken gehabt.\u201c Er: \u201eEs ist die Frage, ob es noch eine weitere Streuwirkung hat, durch die es unkontrollierbar wird. Das war ja auch das Problem bei der Atombombe. Sie ist unter Umst\u00e4nden erlaubt, weil sie noch kontrollierbar eingesetzt werden kann. Ich: \u201e Aber in dem Sinne, da man dann auch sagen k\u00f6nnte, wenn man einen Schritt weitergeht, eine Bombe, die die ganze Welt zerst\u00f6rt, ist auch noch kontrollierbar.\u201c Er: \u201eEs ist \u00fcbrigens kein Kriterium, dass die Sache unter Umst\u00e4nden auch gegen die Zivilbev\u00f6lkerung eingesetzt wird. Das liegt ja nicht in Ihrer Hand. Sie k\u00f6nnen eine harmlose Pistole verkaufen und ein anderer bringt seine Frau damit um. Das mit dem Napalm ist f\u00fcr mich besonders schwierig, weil ich mir \u00fcber die Realit\u00e4ten kein pr\u00e4zises Bild machen kann. Ich wei\u00df zu wenig \u00fcber die genaue Wirkung.\u201c Ich: \u201eDas k\u00f6nnte man auch erst dann wissen, wenn man im speziellen Fall selbst das Opfer ist.\u201c Dann kommt er zum wesentlichen Kriterium. Er ist f\u00fcr ein sauberes, schmerz-loses T\u00f6ten. \u201eBei diesen neuen Dingen hat man eben immer ein sehr ungewisses Gef\u00fchl wegen der Wirkung. Mein Bedenken liegt jetzt haupts\u00e4chlich darin, dass also hier nicht die unausbleiblichen Verwundungen hervorgerufen werden, sondern dass zus\u00e4tzliche Peinigung hervorgerufen wird.\u201c Ich: \u201eIst es nicht doch an erster Stelle eine grunds\u00e4tzliche Frage, dass jedes Mittel, das zur Vernichtung von Menschen eingesetzt wird, zu verurteilen ist?\u201c Er: \u201eDas w\u00fcrde ich nun nicht ohne weiteres sagen. Ich w\u00fcrde Unterschiede machen, ob ein Mittel nun diesen unumg\u00e4nglichen Zweck sozusagen geradewegs erreicht oder ob eben eine solch schreckliche Form der T\u00f6tung gew\u00e4hlt wird. Ich: \u201eSie meinen, dass man durch Abschreckung den Krieg verk\u00fcrzen kann.\u201c Er: \u201e Ja, damit hat man ja auch damals bei der Atombombe gerechnet. Es wei\u00df ja noch immer niemand, ob es nicht im Endeffekt das geringere Opfer war, als wenn der Krieg noch jahrelang weitergegangen w\u00e4re.\u201c Ich erinnere ihn an die Bergpredigt: \u201eWenn es dort hei\u00dft: Liebet eure Feinde, tuet Gutes denen, die euch hassen, kann einem das schon imponieren.\u201c Er l\u00e4sst die Bergpredigt aber aus folgendem Grund f\u00fcr diesen Fall nicht gelten: \u201eDann w\u00e4re ja \u00fcberhaupt ein Krieg von vornherein unsinnig.\u201c Die Bergpre-digt gilt bei ihm nur \u201ebeim Verhalten von Mensch zu Mensch.\u201c \u2026<\/p>\n<p align=\"justify\">Ein zweiter Moraltheologe, der mir ebenfalls r\u00e4t, das Napalm nicht zu liefern, ist Prof. B\u00f6ckle aus Bonn. Auch f\u00fcr ihn ist es keine milit\u00e4rische Frage, sondern \u201eeine klare sittliche Entscheidung\u201c, die er \u201eim schwersten mitempfindet.\u201c Er ist verwundert: \u201eWo finde ich einen Industriechef, der sich \u00fcberhaupt dar\u00fcber Gedanken macht, wenn es um so ein Riesengesch\u00e4ft geht?\u201c Und er nennt die Ausf\u00fchrung des Auftrags \u201eein Verbrechen an der Menschheit, \u2026 obwohl man da gewiss nach klassischer Moraltheologie herumlaborieren k\u00f6nnte.\u201c<\/p>\n<p align=\"justify\">Ein \u201eklassischer Moraltheologe\u201c ist sein Kollege Prof. Sch\u00f6llgen: \u201eIch habe die beiden Weltkriege mitgemacht. Ich muss sagen: heute im modernen Krieg ist das praktisch egal, wie da jemand umgebracht wird. Wenn einer einen Bauchschuss mitbekommt oder ein Splitter die Wirbels\u00e4ule verletzt, dann ist er querschnittsgel\u00e4hmt. Das kann schlimmer sein als Napalm. Deshalb muss man h\u00e4rteste Waffen einsetzen, denn wenn man darauf verzichtet, gibt man sich dem Aggressor preis.\u201c Der Aggressor ist in seinen Augen der Vietcong, vielmehr \u201edas gesamte kommunistische Lager.\u201c Er sieht da \u201eeine weltweite Verschw\u00f6rung.\u201c Sehr imponiert hat ihm der Bericht des Milit\u00e4rberaters der Frankfurter Allgemeinen Zeitung Adalbert Weinstein in der Sonnabendbeilage. \u201eDer Weinstein sagt: Wenn die Amerikaner mit ihrer Taktik noch eine gewisse Zeit fortfahren, dann w\u00fcrde einfach der Partisanenkrieg austrocknen.\u201c (Ausbluten w\u00e4re wahrscheinlich die realistischere Bezeichnung, aber er sagt austrocknen.) Er warnt mich davor, mit meinem Gewissenskonflikt einen \u201eGesinnungs-menschen\u201c aufzusuchen: \u201eDer w\u00fcrde ihnen am Ende noch abraten.\u201c Statt dessen m\u00fcsse ich eine Haltung einnehmen, die er \u201eVerantwortungsethik\u201c nennt. Sch\u00f6llgen: \u201eIch muss Ihnen pers\u00f6nlich sagen, dass ich kein Freund der Radikalpazifisten bin. Man hat Sie wahrscheinlich an mich verwiesen, weil ich \u00fcber diesen gesamten Komplex ein Buch geschrieben habe. Ich werde immer wieder um Artikel, \u00c4u\u00dferungen und Vortr\u00e4ge gebeten. Da helfe ich immer in der Weise, dass ich ganz konsequent den Standpunkt des deutschen Soziologen Max Weber anwende, dass ich sage, mit Osterm\u00e4rschen und allem dergleichen, mit einer reinen Gesinnung, da ist nichts zu wollen. Man muss eben die Verantwortung mit sich selbst entscheiden. Ich glaube, dass Arbeit f\u00fcr den Frieden eine ganz banale Arbeit ist.\u201c Ich: \u201eSie meinen, eine schmutzige?\u201c Er: \u201eJa. Es stehen sich nie schneewei\u00dfe Engel und rabenschwarze Teufel gegen\u00fcber. Die Dinge m\u00f6gen grauenhaft sein, aber man muss weiterdenken.\u201c Er wirft den Amerikanern \u201eeine gro\u00dfe sentimentale Dummheit\u201c vor. \u201eMan steht heute auf dem Standpunkt, der Amerikaner h\u00e4tte damals nur eine einzige Atombombe auf die Chinesen in Nordkorea zu werfen brauchen. Dann w\u00e4re der Krieg zu Ende gewesen. Und die Chinesen h\u00e4tten nicht die M\u00f6glichkeit gehabt, heute selber Atombomben herzustellen. Sie sind ja jetzt schon bei der H-Bombe angekommen. Die ganze Serie der vollkommenen Aggression w\u00e4re dann nicht vorgekommen.\u201c \u201eDas w\u00e4re dann vorbeugend gewesen,\u201c sage ich. Er: \u201eSie ,m\u00fcssen vor allen Dingen die Sache soziologisch sehen. Ich habe jetzt dieses Interview von Niem\u00f6ller geh\u00f6rt. Dessen Argumentation, die h\u00e4ngt eigentlich an ganz traditionellen Vorstellungen. Er tut so, als ob Vietnam ein abgegrenzter souver\u00e4ner Staat sei. Das ist aber ganz und gar nicht der Fall.\u201c Dann bringt er einen neuen Aspekt seiner moraltheologischen Strategie: \u201e Man hat ja jetzt auch den endg\u00fcltigen Nachweis geliefert, dass der 2. Weltkrieg durch Verrat entstanden ist. Es hat angefangen damals in Tokio mit dem Sorge und jetzt sind da diese f\u00fcrchterlichen Geschichten herausgekommen: Es hat sich in der Schweiz abgespielt.\u201c Er folgert daraus: \u201e So muss man sagen, dass jeder Krieg, der gegenw\u00e4rtig tobt und in Zukunft entsteht, zwei Seiten hat. Der hat eine Au\u00dfenseite, die heute meist unehrlich und zur Tarnung ist, und eine Innenseite, und diese Innenseite ist die ideo-logische Auseinandersetzung.\u201c Ich: \u201eSie meinen, es geht um Christentum oder Kommunismus?\u201c Er: \u201eMan muss noch weiter sagen, es geht vor allen Dingen um die Frage: totalit\u00e4re Diktatur oder Demokratie. Es geht also um die Frage einer freien Lebensf\u00fchrung. Da muss ich doch sagen, dass es ein Ideal ist, das verteidigt werden muss. Ich w\u00fcrde doch sagen, dass es genug Leute gibt, wenn die einmal wirklich erfahren, was Diktatur bedeutet, die w\u00fcrden vielleicht zum Selbstmord kommen.\u201c Er ist der \u00dcberzeugung, dass der Krieg im ganzen gesehen humaner geworden ist. \u201eIm Mittelalter oder Altertum hat man sich halt gegenseitig Keulen \u00fcber den Kopf geschmettert. Da hat sich schon allerhand gebessert, wenn man die Dinge z.B. vergleicht mit dem antiken Krieg. Bei dem heidnischen Krieg, da ging es immer um das Ausrotten von ganzen V\u00f6lkern und soweit sie nicht ausgerottet wurden, waren sie Jagdbeute, kamen auf die Sklavenm\u00e4rkte. Und \u00fcber dieses Stadium sind wir doch weit her\u00fcber, zum Gl\u00fcck. Eine ganze Menge von Eingrenzungen. Das Schreckliche ist ja gerade, dass der moderne Partisanenkrieg diese Dinge unterh\u00f6hlt. Und das Schrecklichste ist eben diese Theorie von Mao Tse-tung, der sagt, die Partisanen m\u00fcssen, das ist der Kernpunkt der Taktik, die Zivilbev\u00f6lkerung als Schild benutzen. Das ist ungef\u00e4hr so, als wenn ein Spitzbube irgendwo einen Einbruch macht und dann zwingt er Frau und Kinder, neben ihm zu bleiben. Und wenn dann die Polizei kommt und bedroht ihn mit der Waffe, ja, dann wird eine Frau oder ein Kind, die er dann einfach vor sich h\u00e4lt, dran glauben m\u00fcssen.\u201c F\u00fcr ihn geht es \u201eletztlich um die Frage des Krieges \u00fcberhaupt\u201c und er beantwortet sie so: \u201eIch sehe da gar keine M\u00f6glichkeit, die Dinge zu stoppen.\u201c Um mir die letzten Bedenken auszureden, sagt er: \u201eOb Sie nun diese Geschichte an die Amerikaner liefern oder irgendwie sonst mit ihnen Handel treiben, das kommt auf das Gleiche heraus.\u201c \u201eSie meinen, es ist ein Handel wie jeder andere?\u201c &#8211; \u201eJa, genau das.\u201c \u201eWenn`s so ist\u201c, sage ich, \u201ekann ich&#8217;s ja mit ruhigem Gewissen machen. Ich kann ja dann von dem Gewinn eine Spende an unsere Pfarrei machen.\u201c Er, erfreut: \u201e Ja, das ist eine Sache, \u00fcber die sich reden l\u00e4sst. Oder noch besser, wenn das Land befriedet ist, der Widerstand des Vietcong l\u00e4sst ja schon sp\u00fcrbar nach, dann werden nat\u00fcrlich in der Form des Wiederaufbaus ungeheure Leistungen gefordert. Dann sollten Sie sich mal mit der Missionszentrale in Aachen in Verbindung setzen. F\u00fcr uns Katholiken ist ja die ungeheure Trag\u00f6die, dass ein gro\u00dfer Teil der Bev\u00f6lkerung gerade in S\u00fcdvietnam gut katholisch ist. Und denen m\u00fcssen wir dann wieder auf die Beine helfen.\u201c<\/p>\n<p align=\"justify\">Um Ihre Geduld nicht \u00fcber Geb\u00fchr zu beanspruchen, habe ich Wallraffs Text um die reichliche H\u00e4lfte gek\u00fcrzt. Z\u00e4hle ich die Aussagen aller 23 Theologen zusammen, so haben dem vorgeblichen Fabrikanten nur drei (also etwa 12 %) von der Lieferung abgeraten, sechs dagegen (also etwa 25 %) haben ausdr\u00fccklich zugeraten und alle andern haben sich wortreich um eine konkrete Aussage gedr\u00fcckt.<\/p>\n<p align=\"justify\"><b>Wie die Alten sungen, \u2026 <\/b><\/p>\n<p align=\"justify\">Abschlie\u00dfend will ich noch drei Beispiele aus meinem eigenen Erleben schildern:<\/p>\n<p align=\"justify\">F\u00fcr das erste habe ich begreiflicherweise keinen Beleg. Als sehr fr\u00fchreifes Kind haben meine Mutter und meine Schw\u00e4gerin mich regelm\u00e4\u00dfig jede Woche zur Kriegsgebetsstunde mitgenommen. Die hielt oft Pfarrer Preiser, der gleichzeitig Pfarrer der Frauenkirche, Stadtjugendpfarrer f\u00fcr G\u00f6rlitz und stellvertretender Bannf\u00fchrer der HJ war. Unvergesslich, wie er mit hoch erhobenen H\u00e4nden Gott angefleht hat, er m\u00f6ge doch wie auf Sodom und Gomorrha Feuer und Schwefel regnen lassen auf die bolschewistischen Horden und unseren tapferen Soldaten endlich den Sieg verleihen. Im Februar 1945 aber setzte sich der tapfere Prediger ab nach Bayern, wo er bereits vor Weihnachten wieder als Jugendpfarrer t\u00e4tig war und gewiss seine Gebete gegen die \u201erote Gefahr\u201c aus dem Osten unmittelbar fortsetzen konnte. In seiner frommen Biografie im Blog der \u201eGruppe Luther\u201c in Bayreuth werden freilich weder die Kriegsgebete, noch seine Funktion bei der HJ erw\u00e4hnt. Statt dessen wird er zum Opfer der Machthaber des 3. Reiches erkl\u00e4rt. Aber das eine habe ich selbst erlebt und vom andern durch meine damals 16j\u00e4hrige Schwester erfahren, der ich auch \u00fcber ihren Tod hinaus vertraue.<\/p>\n<p align=\"justify\">Im Januar 2017 stand im Mitteilungsblatt der Leipziger Gemeinde, f\u00fcr die ich fast 30 Jahre lang gearbeitet hatte, ein werbender Bericht \u00fcber einen Schnupperkurs f\u00fcr minderj\u00e4hrige Sch\u00fcler bei der Bundeswehr. Entsetzt habe ich fast ein Jahr lang gegen diese Werbung angek\u00e4mpft. Kein einziges Gemeindeglied, von denen mich etliche noch pers\u00f6nlich kannten und seiner Zeit meine Arbeit wertgesch\u00e4tzt hatten, hat mir beigestimmt. Mehrere haben mich als senilen Schwarzseher und Querulanten abgewertet. Aus dieser Zeit habe ich etliche Schrifts\u00e4tze aufbewahrt.<\/p>\n<p align=\"justify\">Im April 2022 habe ich auf das Titelblatt des Gemeindebriefes der gleichen Gemeinde mit folgendem Text reagiert:<\/p>\n<p align=\"justify\">ELIMINIEREN<\/p>\n<p align=\"justify\">In einer Leipziger Kirchgemeinde erlebte erschreckende Kontinuit\u00e4t<\/p>\n<p align=\"justify\">1956 habe ich mit 21 Jahren als \u00fcberzeugter Christ und begeisterter Kirchenmusiker meine zweite Kantorenstelle in Leipzig angetreten. Die Gemeinde bekam 1959 einen neuen Pfarramtsleiter. Den habe ich als herzensguten Menschen, aber auch als \u00fcberzeugten Offizier und Milit\u00e4rseelsorger der deutschen Wehrmacht im 2. Weltkrieg kennengelernt. In mehreren langen Gespr\u00e4chen hat er versucht, mich jungen Berufsanf\u00e4nger davon zu \u00fcberzeugen, dass Hitler die Juden ja \u201eeliminieren musste\u201c, weil sie zuvor das deutsche Volk wirtschaftlich \u201estranguliert\u201c hatten.<\/p>\n<p align=\"justify\">Jetzt, im April 2022 (also 63 Jahre sp\u00e4ter), erhalte ich das aktuelle Nachrichtenblatt der gleichen Gemeinde und lese im einleitenden geistlichen Wort :<\/p>\n<p align=\"justify\">\u201eWie kann eine christliche Friedensethik aussehen in einer Zeit wie dieser? Ist Gewalt zur Verteidigung erlaubt? Ein biblisches Bild wie <i>Schwerter zu Pflugscharen<\/i>, das die kirchliche Friedensbewegung viele Jahrzehnte gepr\u00e4gt hat, erscheint da geradezu naiv. Den Menschen in der Ukraine, die zur Waffe greifen, so etwas abzuverlangen, w\u00e4re geradezu zynisch. \u2026<\/p>\n<p align=\"justify\">F\u00fcr diesen Angriff gibt es keine relevanten Gr\u00fcnde. Von der Ukraine ging keine unmittelbare Bedrohung f\u00fcr Russland aus, nicht einmal f\u00fcr die besetzten und inzwischen annektierten Gebiete.<\/p>\n<p align=\"justify\">Aus den \u00c4u\u00dferungen des russischen Pr\u00e4sidenten Putin ist zu entnehmen, dass es um die Zerst\u00f6rung der Ukraine als eigenst\u00e4ndigen und unabh\u00e4ngigen Staat geht. F\u00fcr die angegebene Begr\u00fcndung, dass ein V\u00f6lkermord an der russischsprachigen Bev\u00f6lkerung verhindert werden soll, fehlt jeder Beweis&#8230;<\/p>\n<p align=\"justify\">Die Forderung <i>Schwerter zu Pflugscharen<\/i> kann dennoch weiterhin als Forderung christlicher Friedensethik gelten, allerdings nur an den Aggressor &#8211; an Russland. \u2026&#8220;<\/p>\n<p align=\"justify\">Als Titelbild f\u00fcr diesen Gemeindebrief hat die Pfarrerin Zettel aus ihrer Kinderarbeit fotografiert, links unter der \u00dcberschrift <i>\u201eIch habe Angst\u201c<\/i>, rechts unter der \u00dcberschrift <i>\u201eIch hoffe\u201c<\/i>.<\/p>\n<p align=\"justify\">Darunter lese ich mit furchtbarem Erschrecken: <i>\u201eDas Putin eliminiert wird\u201c<\/i> und <i>\u201eIch hoffe, dass<\/i> <i>Putin ermordet wird\u201c<\/i>.<\/p>\n<p align=\"justify\">Einen Kommentar h\u00e4lt die Pfarrerin f\u00fcr \u00fcberfl\u00fcssig. Offenbar entsprechen diese kindlichen \u00c4u\u00dferungen dem Inhalt ihrer Arbeit mit den Kindern.<\/p>\n<p align=\"justify\">Es ist mir nicht bekannt geworden, ob au\u00dfer mir noch jemand von den etwa 4000 Empf\u00e4ngern des Gemeindebriefes an diesem Bild und seinem geistlichen Kommentar Ansto\u00df genommen hat. Da ich nach wie vor das Leben in dieser Gemeinde mit regem Interesse verfolge, bin ich \u00fcberzeugt davon, dass alle Leser damit einverstanden oder daran v\u00f6llig desinteressiert waren. Nach meinem Verst\u00e4ndnis entsprechen Bild und Text dem \u00f6ffentlichen Mordwunsch einer ganzen Christengemeinde und unterscheiden sich in nichts von der Mordhetze Luthers und den Hexenprozessen des 16. bis 18. Jahrhunderts.<\/p>\n<p align=\"justify\"><strong>Res\u00fcmee:<\/strong> In den 90 Jahren meines Lebens habe ich Kenntnis von so vielen \u00c4u\u00dferungen und Aktivit\u00e4ten nicht nur beider deutschen Gro\u00dfkirchen, sondern gerade auch der Bekennenden Kirche zur Begr\u00fcndung und Realisierung von Kriegen erhalten, dass es mir unm\u00f6glich geworden ist, ihren lautstarken Friedensbeteuerungen Glauben zu schenken.<\/p>\n<p align=\"justify\"><i>Der Autor Johannes Gerdes hat darum gebeten, dem Vortragstext noch diese Zeilen anzuf\u00fcgen:<\/i><\/p>\n<p align=\"justify\">Nicht unmittelbar auf den Krieg bezogen, aber typisch f\u00fcr die uneingeschr\u00e4nkte Begeisterung protestantischer Theologen f\u00fcr den <i>von Gott gesandten<\/i> F\u00fchrer Adolf Hitler ist auch folgender Text, den ich auszugsweise zitiere:<\/p>\n<p align=\"justify\">Im Festvortrag auf dem Diakonentag 1933 anl\u00e4sslich der Hundertjahrfeier des Rauhen Hauses in Hamburg sagte Horst Schirrmacher, der Direktor des Centralausschusses der Inneren Mission unter anderem: \u201eWir gr\u00fc\u00dfen euch alle als die SA Jesu Christi und die SS der Kirche, ihr wackeren Sturmabteilungen und Schutzstaffeln im Angriff gegen Not, Elend, Verzweiflung und Verwahrlosung, S\u00fcnde und Verderben. \u2026 Bem\u00fcht euch in aller k\u00fcrzester Frist, in ein kameradschaftliches Verh\u00e4ltnis zur SA, SS und Stahlhelm zu kommen. \u2026 Ich w\u00fcnsche, dass unsere jungen Br\u00fcder in den Diakonenanstalten s\u00e4mtlich SA-M\u00e4nner werden. Der alte Bodelschwingh hat f\u00fcr die Diakonie die Ausbildung mit der blauen Sch\u00fcrze verlangt. Aber zu der blauen Sch\u00fcrze geh\u00f6rt jetzt das braune Hemd.\u201c Und tats\u00e4chlich haben Diakone des Stephanstiftes Hannover als SA-M\u00e4nner Wachdienst im Konzentrationslager Papenburg und in anderen Strafgefangenenlagern im Emsland \u00fcbernommen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auf dem diesj\u00e4hrigen Magdeburger Friedensfestival wurde folgender Vortrag gehalten, dessen Text wir mit Genehmigung des Autors ver\u00f6ffentlichen. Texte aus 90 Jahren Kriegspropaganda beider Kirchen von Niem\u00f6ller, Lilje, Wallraff und Gerdes Mein Name ist Johannes Gerdes. Die l\u00e4ngste Zeit meines Lebens war ich ein frommer Christ und ein sehr eifriger Kirchenmusiker. Ich wurde vor 90 Jahren in eine fundamentalistisch-evangelikale Familie hineingeboren und habe alles, was mir als Kind und Jugendlichem in Familie und Gemeinde vermittelt wurde, verinnerlicht und praktiziert. 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