{"id":344,"date":"2017-08-24T12:57:39","date_gmt":"2017-08-24T10:57:39","guid":{"rendered":"http:\/\/www.sachsen-anhalt.freidenker.org\/cms\/?p=344"},"modified":"2017-10-24T13:14:12","modified_gmt":"2017-10-24T11:14:12","slug":"muentzer-thomas","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.sachsen-anhalt.freidenker.org\/cms\/?p=344","title":{"rendered":"M\u00fcntzer, Thomas:"},"content":{"rendered":"<div class=\"separator\">\n<div style=\"width: 210px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/1.bp.blogspot.com\/-VP3K0TGqAsA\/WQEnecM1JnI\/AAAAAAAAB6M\/dDGziP56eLEEFGNTaZ4IpH7M21Fy1hQOwCLcB\/s1600\/Engels-Bauer1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/1.bp.blogspot.com\/-VP3K0TGqAsA\/WQEnecM1JnI\/AAAAAAAAB6M\/dDGziP56eLEEFGNTaZ4IpH7M21Fy1hQOwCLcB\/s200\/Engels-Bauer1.jpg\" width=\"200\" height=\"152\" border=\"0\" \/><\/a><p class=\"wp-caption-text\">F. Engels &#8211; MEW, Band 7, Seite 329 &#8222;Der deutsche Bauernkrieg&#8220;<\/p><\/div>\n<\/div>\n<div align=\"JUSTIFY\"><\/div>\n<p align=\"JUSTIFY\">M\u00fcntzer, Thomas: (vor 1490 Stolgerg, Harz bis 27.05.1525 bei M\u00fchlhausen) bedeutender Ideologe der Volksreformation und F\u00fchrer des revolution\u00e4ren Fl\u00fcgels im deutschen Bauernkrieg.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">M\u00fcntzer wurde als Sohn eines nicht unverm\u00f6genden Handwerkers geboren. Die ersten gesicherten Lebensdaten M\u00fcntzers beziehen sich auf seine Immatrikulation am 16.10.1506 an der Leipziger Universit\u00e4t und auf sein Studium in Frankfurt an der Oder 1512. Selbst ob er akademische Grade erwarb, ist nicht belegt. 1513 finden wir M\u00fcntzer als Kollaborator (Hilfslehrer) in Halle, 1514 als Geistlichen in der Halberst\u00e4dter Di\u00f6zese. 1516-1517 war er Probst im Kloster Frose bei Aschersleben. Ende 1518 bis Anfang 1519 hielt sich M\u00fcntzer vielleicht in Wittenberg auf, der ber\u00fchmten Disputation zwischen Luther und Johann Eck in Leipzig (24.06. &#8211; 16.07.1519) wohnte er zumindest zeitweise bei. Mit umfangreichen theoretischen Studien besch\u00e4ftigte er sich w\u00e4hrend seines Wirkens als Beichtvater im Nonnenkloster Beuditz bei Wei\u00dfenfels.<a name=\"more\"><\/a><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><!--more-->Vor allem Johann Taulers (1300 \u2013 1361) Auffassung von der aktiven Rolle des Menschen beim Streben nach Vollkommenheit ist modifiziert in M\u00fcntzers Lehre eingeflossen. Als Prediger in Zwickau (Mai 1520 \u2013 April 1521) kam er in enge Beziehungen zu den Zwickauer Tuchknappen und \u00fcber sie mit dem Kreis um Niklas Storch (gest. 1525), der den Anbruch des Reiches Gottes auf Erden erwartete. W\u00e4hrend seines Aufenthaltes in Prag (1521) entstanden die vier Fassungen des \u201ePrager Manifestes\u201c, die Entwurf blieben. Darin wendet sich M\u00fcntzer gegen Pfaffen, M\u00f6nche und gelehrte Doktoren, die dem Volk das gef\u00e4lschte Gotteswort vermitteln, einen \u201egestohlenen Glauben\u201c. Das Volk strebe hingegen danach, den direkten Weg zu Gott zu finden, die christliche Kirche in ihrer urspr\u00fcnglichen Reinheit wiederhergestellt zu sehen. In den Fassungen des \u201ePrager Manifestes\u201c, der ersten uns bekannten zusammenfassenden Darstellung der Auffassungen M\u00fcntzers wurde der Gegensatz zu Luther schon erkennbar und bereitete sich die Herausbildung der volksreformatorischen Ideologie vor. Nach erneuter Wanderschaft, Aufenthalten in Nordhausen und Glaucha bei Halle (1522 \u2013 1523) nahm M\u00fcntzer im April 1523 seine T\u00e4tigkeit als Pfarrer im s\u00e4chsischen Allstedt auf. Hier entstand die Mehrzahl seiner Schriften. In Allstedt konnte er erstmals versuchen, seine \u00fcber Luther hinausgehenden Ziele zu verwirklichen. M\u00fcntzers endg\u00fcltiger Bruch mit der Reformation wird durch seinen Brief an Melanchthon vom 27.03.1522 bezeichnet. Noch suchte er die Obrigkeit f\u00fcr seine Ziele zu gewinnen, die soziale Problematik trat hinter der Aufgabe der Erziehung des Volkes zur\u00fcck, das er f\u00fcr die innere Erleuchtung und den Empfang des g\u00f6ttlichen Geistes reif machen wollte. Denn ohne Umerziehung der Menschen gebe es keine Herrschaft Christi und keinen Sturz der Tyrannen. Zur Erreichung seines Zieles schuf M\u00fcntzer das \u201eChristliche Verb\u00fcndnis\u201c, eine Organisation zur Vorbereitung und Verteilung seiner Lehren. In der Schrift \u201eVon dem gedichteten Glauben\u201c (gedruckt Anfang 1524) stellt M\u00fcntzer seine theologisch-philosophische Auffassung systematisch dar und grenzt sie von der Theorie der Wittenberger ab. Das geschah noch ausf\u00fchrlicher in der \u201eProtestation oder Entbindung\u201c (gedruckt 1524). Im Laufe des Jahres 1524 radikalisierten sich M\u00fcntzers Auffassungen sehr schnell. Die \u201eF\u00fcrstenpredigt\u201c vom 13.07.1524 (gedruckt 1524) war sein letzter Versuch, die der Reformation anh\u00e4ngenden ernestinisch-s\u00e4chsischen F\u00fcrsten f\u00fcr seine Ziele zu gewinnen. Hier verk\u00fcndete M\u00fcntzer, dass die bestehende Ordnung auf Gewalt, Betrug und Irref\u00fchrung beruht, auf dem Bund der Gottlosigkeit, der geistlichen und weltlichen F\u00fcrsten, die den \u201egemeinen Mann\u201c unterdr\u00fccken und berauben. F\u00fcr M\u00fcntzer herrscht in Staat und Kirche der Antichrist, dessen Abwehr Aufgabe der von Gott Erw\u00e4hlten sei. Die christliche Obrigkeit solle das Schwert zur Vernichtung der Gottlosen gebrauchen. Weigerten sich die F\u00fcrsten, so sei das Volk von Gott auserw\u00e4hlt und verpflichtet, das Schwert und die Macht zu ergreifen. In der \u201eF\u00fcrstenpredigt\u201c wurde das Widerstandsrecht des Volkes erstmals in der deutschen Reformation klar formuliert. Erstmalig war der Weg zur Weiterf\u00fchrung der Reformation durch das Volk theoretisch begr\u00fcndet worden, der nicht nur zu kirchlichen, sondern auch zu Ver\u00e4nderungen im staatlichen und politischen Bereich f\u00fchren sollte. M\u00fcntzers Forderungen wurden von den Herrschenden nicht akzeptiert, er musste aus Allstedt fliehen und ging im August 1524 nach M\u00fchlhausen. Hier reifte sein theoretisches Programm der Volksreformation unter relativ g\u00fcnstigen politisch-sozialen Bedingungen aus. Er erkannte die Rolle der Bauern. Seine Hauptschriften \u201eAusgedr\u00fcckte Entbl\u00f6\u00dfung des falschen Glaubens\u201c und \u201eHochverursachte Schutzrede\u201c (bei der Drucklegung in N\u00fcrnberg im November\/Dezember 1524 z. T. Beschlagnahmt) sind Aufrufe zur revolution\u00e4ren Aktion. Kernst\u00fcck von M\u00fcntzers Programm der Volksreformation ist die Lehre vom Widerstandsrecht gegen die gottlose Obrigkeit und von der Schaffung einer revolution\u00e4ren Gewalt. Da die Obrigkeit ihrer von Gott bestimmten Aufgabe, die Frommen zu sch\u00fctzen und die Gottlosen zu strafen, nicht nachkommen, sei das Volk aufgerufen, die Gottlosen \u2013 F\u00fcrsten, Adel und Pfaffen \u2013 zu entmachten. Die Gewalt des Schwertes, die der Obrigkeit verliehen ist, f\u00e4llt an das gemeine Volk. M\u00fcntzers Programm lautet: Verwirklichung der sozialen Gerechtigkeit durch die Herstellung allgemeiner Gleichheit. Voraussetzung daf\u00fcr war vor allem die Beseitigung der Armut, die den gemeinen Mann daran hinderte, die Wahrheit zu erkennen. In der Unbildung des Volkes sah M\u00fcntzer das gr\u00f6\u00dfte Hindernis f\u00fcr seine Befreiung. Der Kampf der Volksmassen f\u00fcr ihre materiellen Interessen, der Kampf der Bauern um freie Nutzung des Bodens und R\u00fcckgabe der Allmende bezeichnete f\u00fcr M\u00fcntzer den Beginn des Ringens um eine gerechte Gesellschaftsordnung. Durch den Kampf der Volksmassen sollte verwirklicht werden, was M\u00fcntzer als Reich Gottes auf Erden ansah. Was dieses Programm von allen vorausgegangenen, auch von dem der tschechischen Hussitenbewegung unterscheidet, ist die Verbindung von Vorstellungen einer idealen Gesellschaftsordnung der Gerechtigkeit und des Gemeinwohls mit den tats\u00e4chlichen Interessen bestimmter sozialer Gruppen und Schichten, besonders der Plebejer und Bauern. Nach seiner Ausweisung aus M\u00fchlhausen (Ende August 1524) hielt sich M\u00fcntzer u. a. in N\u00fcrnberg, am Oberrhein und in Basel auf. Theoretischer Kern seiner in N\u00fcrnberg gedruckten \u201eHochverursachten Schutzrede\u201c ist die Auseinandersetzung mit Luthers Rechtfertigungslehre, die er als Gnade f\u00fcr die Herrschenden und Besitzenden und als Gesetz, Zwang und Strafe f\u00fcr die Besitzlosen, d. h. als St\u00fctze der bestehenden ungerechten Gesellschaftsordnung, bezeichnet.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Die Radikalisierung der Bauernbewegung im Schwarzwald Ende 1524 und Anfang 1525 steht offenbar mit M\u00fcntzers Wirken in Zusammenhang. Mitte Februar 1524 kehrt dieser nach M\u00fchlhausen zur\u00fcck. Hier wurde unter F\u00fchrung des \u201eEwigen Rates\u201c, eines Kompromisses zwischen den an die Macht gelangten verschiedenen Schichten des B\u00fcrgertums, und unter aktiver Mitwirkung M\u00fcntzers dessen Forderung nach Aufteilung des kirchlichen Besitzes an die Stadtarmut verwirklicht. In Th\u00fcringen war es gelungen, die Mehrheit der Bauernhaufen beim 1525 auch hier ausbrechenden Bauernkrieg auf das Programm der Volksreformation M\u00fcntzers festzulegen. Mit der Erhebung in Th\u00fcringen \u00fcbernahmen seine Anh\u00e4nger die F\u00fchrung; M\u00fcntzers Programm verschmolz hier mit dem Bauernkrieg. Seine zentrale Forderung war die \u00dcbernahme der politischen Macht durch das Volk als wichtigste Voraussetzung f\u00fcr grundlegende gesellschaftliche Umgestaltungen. Jeder Kompromiss mit den feudalen und patrizialen Obrigkeiten wurde jetzt abgelehnt. Indem M\u00fcntzer als Ziel des Aufstandes die Abschaffung der sozialen Unterschiede zwischen den Menschen und die Errichtung einer von Ausbeutung freien Ordnung proklamierte, wies er weit \u00fcber das damals M\u00f6gliche hinaus. Als die Gegenma\u00dfnahmen der F\u00fcrsten einsetzten, gelang es M\u00fcntzer nicht die in ihren, die in ihren jeweiligen territorialen Interessen befangenen Aufst\u00e4ndischen zu einem geschlossenen Handeln zu bewegen. In der Schlacht zu Frankenhausen (17.05.1525) wurde M\u00fcntzer gefangengenommen, gefoltert und am 27.05,1525 hingerichtet. Das in der Haft angefertigte \u201eBekenntnis\u201c, eigentlich ein Verh\u00f6rprotokoll, bezeugt das M\u00fcntzer auch jetzt sein Wirken mannhaft verteidigte.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">M\u00fcntzers Ideologie bringt in theologischem Gewand das soziale und politische Programm der Volksreformation. Seine theoretischen Quellen sind vor allem die Bibel und dabei besonders das Alte Testament, Auffassungen der Kirchenv\u00e4ter, hussitische Lehren, Ideen des jungen Luther, die deutsche Mystik (Johann Tauler, Heinrich Seuse) und Gedankeng\u00e4nge des Humanismus.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">M\u00fcntzers dem Pantheismus vielfach nahekommende Theologie basiert vor allem auf drei Bestandteile: 1. der Lehre vom Geist als der st\u00e4ndigen, an keine Schranken gebundenen g\u00f6ttlichen Offenbarung, die sich nicht allein der biblischen Schriften bedient hat, sondern sich st\u00e4ndig in der inneren Stimme des Menschen enth\u00fcllt; 2. der Lehre vom Kreuz als der L\u00e4uterung des Menschen durch das Leid, das erforderlich ist, um zu einem \u201ebew\u00e4hrten\u201c Glauben, zu seiner Gewissheit zu kommen. Dabei sind es die Armen, die das Kreuz tragen und sich damit f\u00fcr den Empfang des Geistes bereit machen; 3. der Lehre vom Schwert oder von der Obrigkeit, bestehend im Widerstandsrecht gegen die gottlosen Herren, in der Pflicht, der Obrigkeit zu widerstehen, ihr das Schwert zu nehmen, in der Berufung der Armen und Unterdr\u00fcckten zur F\u00fchrung des Schwertes, zur \u00dcbernahme der Gewalt.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">M\u00fcntzer unterschied \u201eAuserw\u00e4hlte\u201c und \u201eVerdammte\u201c. Der Geisterglauben vereint die \u201eAuserw\u00e4hlten\u201c; sie k\u00f6nnen gott- bzw. christf\u00f6rmig werden. Die \u201eVerdammten\u201c, vor allem die Herrschenden und Besitzenden, werden durch ihre Begierden, ihr Streben nach Reichtum, Wohlleben und Titel daran gehindert, sich dem lebendigen Geist Gottes aufzuschlie\u00dfen. Geist, Schrift und Erfahrung geh\u00f6ren zusammen. M\u00fcntzer fordert Predigt des Gotteswortes in der Landessprache, Durchsetzung des Rechtes freier Predigt und freien Predigth\u00f6hrens unabh\u00e4ngig von territorialen Grenzen und taktisch-politischen Erw\u00e4gungen der Obrigkeit, Abbau der Standesschranken, die die Verwirklichung urchristlicher Br\u00fcderlichkeit unm\u00f6glich machten. M\u00fcntzer unterscheidet inneres Wort und \u00e4u\u00dferes Wort (Bibelglaube), wobei dem inneren und damit der Subjektivierung der Religion der absolute Vorrang geb\u00fchrt. Ort des Glaubens und einziges Kriterium seiner Wahrheit sei das menschliche Herz, das Individuum. M\u00fcntzers h\u00e4ufige Berufung auf die Bibel steht dem nicht entgegen. Letztlich identifiziert M\u00fcntzer Gott und Welt, jedenfalls bei den \u201eAuserw\u00e4hlten\u201c. Gott ist nach M\u00fcntzer das Ganze, aber sein Wille besteht darin, dass alle \u201eSch\u00f6pfungen\u201c als Teil des Weltganzen zu wirken haben.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">M\u00fcntzers Ideen sind Bestandteil der Auffassungen der Volksopposition in Deutschland bis zum Ende des 17. Jh., vor allem die Lehre vom Vorrang des inneren Wortes vor dem \u00e4u\u00dferen Wort, womit die \u00dcberfl\u00fcssigkeit der Feudalkirche begr\u00fcndet wurde.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">&#8230;<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Quelle: Philosophenlexikon, Dietz Verlag Berlin 1987, 4. Auflage, Seiten 679 \u2013 684.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>M\u00fcntzer, Thomas: (vor 1490 Stolgerg, Harz bis 27.05.1525 bei M\u00fchlhausen) bedeutender Ideologe der Volksreformation und F\u00fchrer des revolution\u00e4ren Fl\u00fcgels im deutschen Bauernkrieg. M\u00fcntzer wurde als Sohn eines nicht unverm\u00f6genden Handwerkers geboren. 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