{"id":577,"date":"2020-05-16T22:28:21","date_gmt":"2020-05-16T20:28:21","guid":{"rendered":"https:\/\/www.sachsen-anhalt.freidenker.org\/cms\/?p=577"},"modified":"2020-05-16T22:57:08","modified_gmt":"2020-05-16T20:57:08","slug":"angst","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.sachsen-anhalt.freidenker.org\/cms\/?p=577","title":{"rendered":"ANGST"},"content":{"rendered":"<p align=\"justify\"><i><a href=\"https:\/\/www.sachsen-anhalt.freidenker.org\/cms\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/Maske.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-578 size-thumbnail\" src=\"https:\/\/www.sachsen-anhalt.freidenker.org\/cms\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/Maske-150x150.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"150\" srcset=\"https:\/\/www.sachsen-anhalt.freidenker.org\/cms\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/Maske-150x150.jpg 150w, https:\/\/www.sachsen-anhalt.freidenker.org\/cms\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/Maske-144x144.jpg 144w\" sizes=\"auto, (max-width: 150px) 100vw, 150px\" \/><\/a>Eine <a href=\"https:\/\/www.thueringen.freidenker.org\/index.php\/kreisverbaende\/kv-jena\/texte\/angst\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Beitrag<\/a> aus dem Jahr 2018, von der Seite der Th\u00fcringer Freidenker <\/i><i>\u00fcbernommen<\/i><i>. <\/i><\/p>\n<h2 class=\"western\" align=\"justify\">ANGST<\/h2>\n<p align=\"justify\">Zentrales Element ihrer (Un-)Kultur<\/p>\n<p align=\"justify\">Zun\u00e4chst ein paar Fallbeispiele aus verschiedenen Teilen unseres Kontinentes:<\/p>\n<p align=\"justify\">1.<\/p>\n<p align=\"justify\">10.00 Uhr am vormittag in einer Millionenstadt. Ich klingele an der Haust\u00fcr eines Mehrgeschossers. Die Inhaberin spricht mit mir \u00fcber die Wechselsprechanlage. Drau\u00dfen normaler Betrieb. Gen\u00fcgend Leute und alles. Ich stelle mich vor als Gesandter von jemandem, den die Frau von fr\u00fcher kennt, ausgewiesen durch Kenntnis diverser Details. Ihr fr\u00fcherer Bekannter m\u00f6chte gerne ihre Telefonnummer haben, um sie zur\u00fcckzurufen. Die Frau weicht aus und sagt sie mir nicht. Ich teile ihr mit, da\u00df der Betreffende eine Visitenkarte mitgeschickt hat und da\u00df ich sie ihr gern geben m\u00f6chte. Das w\u00e4re nun eigentlich die Gelegenheit, mich endlich hereinzubitten. Die Frau sagt mir, ich solle sie in den Briefkasten werfen und \u00f6ffnet mir die Haust\u00fcr mit dem Summer. Nochmal zu klingeln, nachdem ich tat, wie mir gehei\u00dfen, ist mir dann zu bl\u00f6d. Es h\u00e4tte ohnedies nichts genutzt. Die Frau hat Angst.<\/p>\n<p align=\"justify\">2.<\/p>\n<p align=\"justify\">14.00 Uhr in einer Millionenstadt. Neubaugebiet. Wir suchen zu zweit eine Wohnung auf. Die Inhaberin, alleinstehende Frau, hat zwei Termine mit uns platzen lassen, dumme Vorw\u00e4nde zu ihrer Entschuldigung vorbringend, nachdem wir uns telefonisch nach den Gr\u00fcnden erkundigt hatten. Wir vermuten schon, da\u00df sie uns absichtlich nicht treffen will und auf Zeit spielt, weil wir am Abend weiterfahren m\u00fcssen. Also suchen wir sie zu Hause auf, nachdem wir mit Gl\u00fcck und Geschick Adresse und Wohnung identifiziert haben.<\/p>\n<p align=\"justify\">Die Wohnung ist durch zwei T\u00fcren gesichert: Innen eine normale T\u00fcr mit Sicherheitsschlo\u00df, au\u00dfen eine Gittert\u00fcr wie im Knast, extra abgeschlossen. Wir klingeln. Ohne wenigstens eine T\u00fcr zu \u00f6ffnen, wispert ein Stimmchen: Wer da w\u00e4re ? Ich bin es, stelle extra mein harmloses Antlitz in den Blickwinkel des T\u00fcrspions, wir waren verabredet, bla, bla. Hallo? Keine Reaktion mehr. Zweites Klingeln. Nichts tut sich mehr. Nur das H\u00fcndchen bellt. Drittes Mal klingeln? W\u00e4re sinnlos, die Frau hat Angst.<\/p>\n<p align=\"justify\">\u00dcber die beiden Millionenst\u00e4dte auf dem Balkan hat man ja schlimme Sachen geh\u00f6rt, wohlgemerkt in den Medien: Exekutionen auf offener Stra\u00dfe, Polizei, die sich nicht in von der Mafia kontrollierte Viertel wagt, Hungernde, die Menschen umbringen, um ihnen E\u00dfbares zu rauben. Vielleicht ist es ja wirklich so schlimm, und wir haben nur Gl\u00fcck gehabt, da\u00df wir im volltrunkenen Zustand nachts durch die Stadt ziehend au\u00dfer Leuten, die sich vor uns f\u00fcrchteten, niemandem begegnet sind? Und da\u00df Geld und Ausweise am n\u00e4chsten Morgen noch da waren, wo wir sie vermuteten? Und das der Taxifahrer dorthin f\u00e4hrt, wo er soll, und nicht in den Wald? Aber halt, da fallen mir pl\u00f6tzlich Sachen aus Deutschland ein, die ich unter diesem Blickwinkel noch nicht so gesehen hatte.<\/p>\n<p align=\"justify\">3.<\/p>\n<p align=\"justify\">Nachmittag in einer Gro\u00dfstadt. Ich klingele. Das Haus hat zwar elektrischen T\u00fcr\u00f6ffner, aber keine Wechselsprechanlage. Die T\u00fcr wird ge\u00f6ffnet, gute Gelegenheit, mich mal pers\u00f6nlich nach oben zu begeben und vorzustellen. Ich trage gute, feste Wanderschuhe, die auf der h\u00f6lzernen Treppe klare Trittger\u00e4usche ergeben, die sich immer n\u00e4her an die Wohnung im obersten Stockwerk heranschieben. Von unten war zu vernehmen, wie oben die T\u00fcr ge\u00f6ffnet ward, die Bewohnerin offenkundig im Treppenhaus wartet. Auf der vorletzten Etage angekommen, mu\u00df ich mit anh\u00f6ren, wie die wartende Person pl\u00f6tzlich wieder in die Wohnung zur\u00fcckkehrt und die T\u00fcre schlie\u00dft. Was ist denn hier los? Die Frau hat Angst.<\/p>\n<p align=\"justify\">Inzwischen war ich in der Wohnung. Der Freund der Besitzerin, ca. 1,90 m, sicherlich gute 90 kg, war auch da. Ja, vielen Dank f\u00fcr die Einladungen, aber abends verlassen sie das Haus prinzipiell nicht mehr, l\u00e4\u00dft man mich wissen.<\/p>\n<p align=\"justify\">4.<\/p>\n<p align=\"justify\">Eine Kleinstadt. Eine Tochter will ihrer Mutter ein Funktelefon mit Karte schenken, damit sie \u00fcberhaupt ein Telefon hat. Die Mutter will es nicht nehmen. \u201eIch habe kein Geld und man kriegt dann solch hohe Rechnungen.\u201c Nein, es kostet Dich \u00fcberhaupt nichts. Wenn die Karte alle ist, kannst Du eben blo\u00df nicht mehr anrufen, aber immerhin noch angerufen werden. \u201eNein, da k\u00f6nnten dann irgendwelche Unholde anrufen und mir obsz\u00f6ne Sachen sagen.\u201c Die haben doch Deine Nummer nicht. Und so obsz\u00f6n ist es nicht, wenn jemand nach Frau M\u00fcller fragt, weil er sich verw\u00e4hlt hat. \u201eDoch, die fragen dann nach der Adresse, wenn sie merken, da\u00df man allein im Haus ist.\u201c Dann legst Du eben auf, und die Funktelefonnnummer steht in keinem Telefonbuch. \u201eAber wenn die sich nun verstellen?\u201c<\/p>\n<p align=\"justify\">Mir gelingt es, der Frau klarzumachen, da\u00df sie dann schnell die Polizei rufen kann, falls mal ein Einbrecher im f\u00fcnften Stock durchs Fenster eindringt. Sie nimmt das Telefon.<\/p>\n<p align=\"justify\">Die Tochter m\u00f6chte, da\u00df die Oma zum Schulanfang ihres Enkels in die Gro\u00dfstadt kommt. \u201eIch kann das Haus nicht f\u00fcr l\u00e4ngere Zeit verlassen, falls Einbrecher kommen.\u201c Willst Du dann etwa allein zu Hause sein ?<\/p>\n<p align=\"justify\">Die Oma kommt nicht zum Schulanfang des Enkels. Sie hat Angst.<\/p>\n<p align=\"justify\"><!--more-->So, so.<\/p>\n<p align=\"justify\">Was ist denn passiert? Warum haben die alle Angst? Die gr\u00f6\u00dfte Gefahr ist der Stra\u00dfenverkehr, ab einem gewissen Alter das Herz. Das wei\u00df man doch. Gegen Unf\u00e4lle kann man sich sch\u00fctzen, und gegen Herz-Kreislauf-Erkrankungen hilft Bewegung an frischer Luft, die Millionen ver\u00e4ngstigter Menschen offenbar seit Jahren nicht mehr geschnuppert haben. Wir kennen sie nicht, weil sie sich nicht mehr auf die Stra\u00dfe trauen. Warum vor allem Frauen? Offensichtlich, weil sie in den geschundenen L\u00e4ndern des Ostens als erste ihre regelm\u00e4\u00dfige Arbeit verloren, die sie zwang, sich mindestens zur Arbeit und zur\u00fcck zu bewegen, und zwar in der \u00d6ffentlichkeit. Nun sitzen sie zun\u00e4chst versch\u00e4mt zu Hause, als ob es eine Schande w\u00e4re, wenn man entlasse wurde, weil man zuviel kostet. (Zwar ist es eine Schande, aber nicht f\u00fcr die Betroffenen, sondern f\u00fcr das System.) Dann schalten sie den Fernseher ein. Dort: Bombenanschl\u00e4ge auf Vorortz\u00fcge, Vorsicht vor Zecken, Giftgas in der U-Bahn, die Kindersch\u00e4nderbande des Herrn soundso, Geiselnahme bei Wuppertal, die Polizei bittet um Mithilfe \u2013 wer kennt diese verst\u00fcmmelte Leiche? -, das BKA warnt vor Terroristen, die sich als ihre langj\u00e4hrigen Nachbarn getarnt haben k\u00f6nnten, Plutoniumschmuggel, Gifte im Trinkwasser, BSE, AIDS, 80 % aller Sch\u00fcler sind drogens\u00fcchtig, dann der Krimi um Mitternacht, wahlweise die Schie\u00dferei oder die Autoverfolgungsjagd oder der Horrorfilm oder wie James Bond gerade einen Mann ertr\u00e4nkt.<\/p>\n<p align=\"justify\">Wenn man erstmal eine gewisse Zeit so mit der Umwelt kommuniziert, glaubt man nach einer Weile, drau\u00dfen sei es wirklich so gef\u00e4hrlich. Es ist es nicht, aber woher soll man es erfahren, wenn man erst mal vor Angst die Wohnung nicht mehr verl\u00e4\u00dft?<\/p>\n<p align=\"justify\">Michael Moore schildert im Film \u201eBowling for Columbine\u201c, da\u00df im gleichen Zeitraum, in dem die Zahl schwerer Gewaltverbrechen in den USA abnahm, die Berichterstattung in den Medien dar\u00fcber sich vervielfacht habe. Gezielt betreiben Medien und Kirchen Panikmache, denn Angst ist das wesentlich Element ihrer Kultur. Gerade heute befand der Papst, er wisse, da\u00df Angst das bestimmende Lebensgef\u00fchl vieler Menschen sei. Ich glaube es ihm, denn in der Verbreitung der Angst bestand der Sinn \u00f6ffentlicher Verbrennungen, von Horrorm\u00e4rchen \u00fcber Hexensabbats und Brunnenvergiftern, von theologischen Abhandlungen \u00fcbers Fegefeuer und die H\u00f6lle, von Verfolgung und den Ma\u00dfnahmen, die die Menschen hilflos Hunger, Not und Krankheiten auslieferten. Wer Angst hat, kann nicht mehr frei denken. Er wird manipulierbar.<\/p>\n<p align=\"justify\">Nachdem man die Angst selbst gesch\u00fcrt hat, kann man dann beginnen, sich als Retter aus der Not zu pr\u00e4sentieren: Mehr Polizei, mehr Geheimdienste, heute weniger essen, damit morgen noch was da ist, Kondome sch\u00fctzen vor AIDS, kein Leitungswasser mehr trinken, gro\u00dfe Menschenansammlungen meiden, beichten gehen, XY-Sicherheitstechnik: brand-, spreng- und diebstahlssicher, keine Macht den Drogen, achten sie auf ihre Nachbarn und wenden sie sich vertrauensvoll an die zust\u00e4ndigen Beh\u00f6rden.<\/p>\n<p align=\"justify\">Angst hindert die Leute, miteinander zu kommunizieren. Damit hindert die Angst die Menschen, sich zu organisieren, zu kooperieren, um den gesellschaftlichen Mi\u00dfst\u00e4nden abzuhelfen. Ver\u00e4ngstigte Einzelg\u00e4nger sind leicht zu beherrschen.<\/p>\n<p align=\"justify\">Kultur ist im Kern Kommunikation. Angst zerst\u00f6rt die Kultur.<\/p>\n<p align=\"justify\">Weil Frauen in der Regel mehr Gr\u00fcnde f\u00fcr \u00c4ngste haben m\u00fcssen, haben sie auch mehr Angst. Weil sie mehr Angst haben, sind sie auch leichter manipulierbar, werden also einerseits st\u00e4rker unterdr\u00fcckt, andererseits w\u00e4hlen sie auch \u00fcberdurchschnittlich oft faschistische Parteien. Vor allem f\u00fcr Frauen und f\u00fcr Kinder, die noch schw\u00e4cher sind, ist auch das Fernsehprogramm gemacht, das von etwa 9.00 Uhr bis 18.00 Uhr \u00fcber die Bildschirme zu flimmern pflegt.<\/p>\n<p align=\"justify\">Gut. Nun wissen wir es. Gefahr erkannt, Gefahr gebannt. Was k\u00f6nnen wir denn nun tun, um die Angst der Menschen, die erst mal in den Teufelskreis aus Angst, Fernsehen und immer nur noch mehr Angst hineingeraten sind, zu befreien? Ist es \u00fcberhaupt m\u00f6glich? Wie kommen wir an sie heran, da sie sich doch in ihren Wohnungen verschlie\u00dfen und nicht \u00f6ffnen, indes das Radio unabl\u00e4ssig vor dem warnt, was vor der T\u00fcre steht, also uns? Wie k\u00f6nnen wir sie ermutigen angesichts der Tatsache, da\u00df ein Blick in die Zukunft den 100-j\u00e4hrigen Weltkrieg gegen den Terrorismus, die Zerst\u00f6rung der Sozialsysteme, Teuerungsschub auf Teuerungsschub, \u00dcberwachung und Vereinzelung, Inflation, Erwerbslosigkeit, Kriminalit\u00e4t und so weiter ja tats\u00e4chlich verhei\u00dft, gerade weil die Menschen davor Angst haben und die Angst das sicherste Mittel ist, ihre Widerstandskraft dagegen erlahmen zu lassen, weswegen es dann wirklich so schlimm kommen kann, wie diese Menschen bef\u00fcrchten? Ist die Angst nicht berechtigt?<\/p>\n<p align=\"justify\">Angst ist ein Gef\u00fchl, eine Emotion. Sie war in der Evolution, wo es auf Instinkte ankam, im Tierreich, durchaus n\u00fctzlich. Ab einer bestimmte Stufe der Intelligenz, wo vern\u00fcnftige Abstraktion, logische Kombination, \u00dcberblick und Vorausschau die Oberhand gewinnen, kann sie dem Interesse des Einzelnen wie der Menschheit durchaus hemmend im Wege stehen. In einer Situation, wo es darauf ankommt, zu k\u00e4mpfen, da hat die Angst kein Existenzrecht. Nicht, da\u00df die Gr\u00fcnde, die Angst erzeugen, irreal w\u00e4ren. Ganz im Gegenteil. Aber die Angst verhindert oftmals eine ad\u00e4quate Reaktion darauf.<\/p>\n<p align=\"justify\">Wir m\u00fcssen sie bek\u00e4mpfen. Wir m\u00fcssen die Menschen ermutigen. Wie?<\/p>\n<p align=\"justify\">Mit der Frau aus dem Beispiel 2 haben wir dann abends noch Wodka getrunken. Die Frau aus Beispiel 4 war dann sp\u00e4ter in der Gro\u00dfstadt. Zauberei? Nicht unbedingt. Vielmehr gaben wir ihnen die M\u00f6glichkeit, Blicke in andere Welten zu werfen.<\/p>\n<p align=\"justify\">Ein weiteres Beispiel:<\/p>\n<p align=\"justify\">5.<\/p>\n<p align=\"justify\">Eine Frau aus einer Balkanhauptstadt kommt auf ein typisches Balkandorf. Also: Die Menschen des Dorfes sind alle miteinander verwandt. Die Kinder spielen auf der Stra\u00dfe Ball. Geld spielt keine Rolle mehr, denn innerhalb der Familie gibt es keine Warenproduktion (per Definition \u2013 die Familie ist die kleinste wirtschaftliche Einheit). Die Zeit spielt auch keine Rolle mehr, denn die Natur gibt den Rhythmus vor, in dem kein Termindruck vorgesehen ist. Wenn beim Umgraben im Garten ein alter Bekannter vorbei schaut, dann kann man schon mal f\u00fcr den einen oder anderen Liter Wein lang die Arbeit unterbrechen.<\/p>\n<p align=\"justify\">Die Hauptstadtfrau will die T\u00fcr verriegeln und mu\u00df entsetzt feststellen, da\u00df es daf\u00fcr keinerlei Vorrichtungen gibt, weder f\u00fcr die einzelnen Zimmer, noch f\u00fcr das Haus als Ganzes, noch \u00fcberhaupt. Es gibt auch keine Klingel. Wer kommt, geht einfach rein.<\/p>\n<p align=\"justify\">Der einzige im Ort, der das Sicherheitsbed\u00fcrfnis der Hauptstadtfrau wenigstens versteht, ist derjenige, der den Fernseher betreut, weil er in dem Laden arbeitet, in dem der Fernseher steht. Zwar gibt es noch mehr Ger\u00e4te irgendwo in den H\u00e4usern, die aber keiner beobachten kann, da sich das Leben ja auf der Stra\u00dfe abspielt.<\/p>\n<p align=\"justify\">Wenn die Hauptstadtfrau in die Hauptstadt zur\u00fcckkehrt, wird sie das R\u00e4tsel l\u00f6sen m\u00fcssen, wieso sie den Ausflug \u00fcberlebt hat. Ob sie darauf kommt, da\u00df man sie vermittels der Medien jahrelang betr\u00fcgen lassen hat? \u201eMan\u201c ist \u00fcbrigens in der Regel Milliard\u00e4r und sitzt \u00fcberproportional h\u00e4ufig in den USA, oder man ist Kleriker und sitzt im Vatikan.<\/p>\n<p align=\"justify\">Wenn man nun also den Frauen aus den Beispielen und den Millionen anderen Betroffenen einfach einen Aufenthalt auf dem Lande empfiehlte, bis die Angst weg ist? Au\u00dfer logistischen Problemen wird ein Hindernis darin bestehen, da\u00df sie niemanden auf dem Lande kennen, zu dem sie Vertrauen haben (oder der ihre Sprache spricht). Und sicherlich wird es nicht ohne weiteres m\u00f6glich sein, sie per Telefon f\u00fcr den Gedanken zu begeistern. Man mu\u00df also kleinere Br\u00f6tchen backen und sie an die Therapie schrittweise heranf\u00fchren.<\/p>\n<p align=\"justify\">Man mu\u00df sie in kleinen Schritten Mut fassen lassen. (\u00dcbrigens sind Kurorte f\u00fcr so was ein guter Anfang. Nach zwei Wochen Kur kann man auch mit Westdeutschen einzelne Gespr\u00e4che wagen, sogar \u00fcber heikle Themen.)<\/p>\n<p align=\"justify\">Nichts ermutigt mehr, als wenn man Erfolg hat, indem es gelingt, gestellte Aufgaben zu erf\u00fcllen. Dann fangen wir doch damit an, die Nachbarin unter irgendeinem Vorwand zu bitten, uns ein paar Br\u00f6tchen aus der Kaufhalle mitzubringen. (Wir geben ihr das Geld im Voraus.) Sollte das gl\u00fccken, so wird die betreffende Person das Gef\u00fchl gewinnen, wir seien ihr nunmehr etwas schuldig, und das wird ihr Selbstbewu\u00dftsein hoffentlich sp\u00fcrbar anheben. Wir bedanken uns ordentlich und nutzen die n\u00e4chste Gelegenheit, sie um Hilfe bei der Beschaffung eines beliebigen Gegenstandes zu einem Preis zu bitten, zu dem das Gut im Stadtzentrum verkauft wird, welches die Nachbarin nur noch dem H\u00f6rensagen nach kennt. Nach dem gro\u00dfen Erfolg mit den Br\u00f6tchen und nachdem die Verkaufsstellenbesch\u00e4ftigten ihr mitteilen m\u00fcssen, da\u00df solche speziellen Dinge nur bei \u2026-Schmidt im Zentrum zu haben sind, will sich die k\u00fcnftige K\u00e4mpferin an unserer Seite nicht lumpen lassen, sondern zeigen, was in ihr steckt. Zwar ist am Erfolg zu zweifeln, aber ihr fallen tausend Dinge ein, die sie schon immer mal im Zentrum machen wollte, aber nicht tat, weil es ja nur ihre Sachen gewesen waren, w\u00e4hrend diesmal ja der Herr Fischer aus der Nachbarschaft, der sonst ja alles wei\u00df und kann (was totaler Schwachsinn ist, aber die Leute durchschauen es nicht richtig), extra darum gebeten hat, offensichtlich, da er selber daran gescheitert ist. Zumindest f\u00fcr diesen Preis. Wenn\u00b4s dem schon um die paar Pfennige zu schaffen ist, dann kann er es ja auch nicht mehr so dicke haben. Wer h\u00e4tte das gedacht. Und wenn es schiefgeht, ist es keine Schande, weil der Fischer es ja auch nicht gepackt hat.<\/p>\n<p align=\"justify\">Im Bus ins Stadtzentrum h\u00f6rt die Person dann, wie sich irgendwelche anderen Leute dar\u00fcber unterhalten, wie Schei\u00dfe alles geworden ist, und da\u00df man sich das 1989 eigentlich gar nicht h\u00e4tte vorstellen k\u00f6nnen. Das mutet ihr doch erstaunlich an, weil es ihr genauso ging, sie aber vermeinte, die einzige zu sein, die so was denkt. Jedenfalls kommen in den Sendungen immer junge, dynamische . . zu Wort, w\u00e4hrend die Meinungsumfragen sich um die Frage bewegt haben, ob man die Bundeswehr lieber gleich nach Irak schicken soll, oder erst, wenn sie kr\u00e4ftig aufger\u00fcstet worden ist. Unsere Nachbarin hat immer gedacht, an diesen Fragen stimme was nicht, weil sie gar nicht wei\u00df, was sie darauf antworten sollte, w\u00fcrde sie denn gefragt, was zum Gl\u00fcck noch nie eintrat. Denn sie kennt die richtige Antwort nicht und dachte, sie k\u00f6nnte vielleicht das Ergebnis \u00fcber ein paar Gespr\u00e4chsfetzen aufschnappen. Nun stellt sich \u00fcberraschenderweise heraus, da\u00df das Thema die anderen Leute ebensowenig zu interessieren scheint wie einen selbst, da man ja wei\u00df Gott andere Sorgen hat. Und die anderen Leute offenbar auch. Und so weiter.<\/p>\n<p align=\"justify\">Je l\u00e4nger die zu erledigenden Wege sind, desto besser, denn desto weniger Zeit bleibt f\u00fcr das Fernsehen, welches unsere Nachbarin zunehmend weniger vermi\u00dft.<\/p>\n<p align=\"justify\">An dem Tag, an dem die Frau uns sagt: \u201eSchmuggel doch Dein schwuchtliges Kassiber selber in den Knast. F\u00fcr mich w\u00e4re es zwar keine H\u00fcrde, aber wir haben uns verabredet, Mehdorns Limousine mit Pflastersteinen zu belegen, wenn er aus dem Bahn-Tower herauskommt\u201c, haben wir unser Ziel erreicht und bieten Ihr die Mitgliedschaft im Freidenkerverband an.<\/p>\n<p align=\"justify\">Zwar habe ich mich bem\u00fcht, meine Vorstellungen m\u00f6glichst plastisch zu schildern. Ich meine aber alles Gesagte, Analyse wie Strategie, \u00fcberaus ernst. Von uns in unserem unmittelbaren Umfeld Ermutigte werden selbst wiederum ihre Umgebung anstecken und die Mittel des Feindes sind gegen einen solchen potentiellen Fl\u00e4chenbrand ausgesprochen untauglich.<\/p>\n<p align=\"justify\">Als Kulturorgansiation m\u00fcssen wir an dieser Front arbeiten. Sonst werden wir selbst vorm Fernseher enden.<\/p>\n<p align=\"justify\">Amen<\/p>\n<p align=\"justify\">Witold Fischer<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine Beitrag aus dem Jahr 2018, von der Seite der Th\u00fcringer Freidenker \u00fcbernommen. ANGST Zentrales Element ihrer (Un-)Kultur Zun\u00e4chst ein paar Fallbeispiele aus verschiedenen Teilen unseres Kontinentes: 1. 10.00 Uhr am vormittag in einer Millionenstadt. Ich klingele an der Haust\u00fcr eines Mehrgeschossers. Die Inhaberin spricht mit mir \u00fcber die Wechselsprechanlage. Drau\u00dfen normaler Betrieb. Gen\u00fcgend Leute und alles. 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