{"id":663,"date":"2021-09-29T17:50:56","date_gmt":"2021-09-29T15:50:56","guid":{"rendered":"https:\/\/www.sachsen-anhalt.freidenker.org\/cms\/?p=663"},"modified":"2021-09-29T18:43:09","modified_gmt":"2021-09-29T16:43:09","slug":"damit-die-ddr-keine-fussnote-der-geschichte-wird","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.sachsen-anhalt.freidenker.org\/cms\/?p=663","title":{"rendered":"Damit die DDR keine Fu\u00dfnote der Geschichte wird"},"content":{"rendered":"<p align=\"JUSTIFY\"><a href=\"https:\/\/www.sachsen-anhalt.freidenker.org\/cms\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/IMG_20210929_173739_resized_20210929_053947427.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-673\" src=\"https:\/\/www.sachsen-anhalt.freidenker.org\/cms\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/IMG_20210929_173739_resized_20210929_053947427-150x150.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"150\" srcset=\"https:\/\/www.sachsen-anhalt.freidenker.org\/cms\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/IMG_20210929_173739_resized_20210929_053947427-150x150.jpg 150w, https:\/\/www.sachsen-anhalt.freidenker.org\/cms\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/IMG_20210929_173739_resized_20210929_053947427-144x144.jpg 144w\" sizes=\"auto, (max-width: 150px) 100vw, 150px\" \/><\/a>Am 20. August 2021 nahm ich in Quedlinburg an einer Lesung von Hartmut K\u00f6nig teil, die Mitglieder des Freidenker-Verbands (DFV) organisierten. Mit seinem Namen konnte ich zun\u00e4chst nichts anfangen, mit seinen Liedern schon. Als Liedermacher, sp\u00e4terer FDJ- und SED-Funktion\u00e4r trat er \u2013 als Pete Seeger ihm seine Gitarre lieh \u2013 bei der UNO Weltjugendversammlung in New York auf (1970); im eigenen Land polarisierte er mit seinen Liedtexten.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Als Mitbegr\u00fcnder des Oktoberklubs schrieb er unter anderem die Weltfestspiel-Hymne von 1973 &#8222;Wir sind \u00fcberall&#8220; und den damals kultigen Song &#8222;In der Mocca-Milch-Eisbar&#8220; (1970 Im Text \u201eich zahl, sie zahlt\u201c ist ein kleiner Hauch von Gleichberechtigung zwischen Frau und Mann enthalten). Auch das FDJ-Lied &#8222;Sag mir, wo du stehst!&#8220; stammt aus seiner Feder sowie der Titelsong des DEFA-Klassikers &#8222;Hei\u00dfer Sommer&#8220; (Alles ist bei youtube vorhanden).<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Doch nicht f\u00fcr eine k\u00fcnstlerische Laufbahn entscheid er sich, sondern f\u00fcr die Politik, studierte jedoch zun\u00e4chst Journalistik. Nach seiner Dissertation und weiteren Stationen wie dem Internationalen Studentenbund in Prag wurde er 1976 FDJ-Kultursekret\u00e4r und koordinierte sp\u00e4ter die Organisation der Konzerte an der Radrennbahn Wei\u00dfensee, unter anderen mit Bruce Springsteen, Joe Cocker und Bryan Adams, mit. Bruno Apitz, Autor des Buchs \u201eNackt unter W\u00f6lfen\u201c, war 1967 sein SED-B\u00fcrge und K\u00f6nig wurde 1986 Mitglied des Zentralkomitees der SED, so da\u00df er viel \u00fcber die Abl\u00e4ufe in diesem Gremium zur Wendezeit berichten konnte.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\"><!--more--><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Er, der 1947 geboren wurde, scho\u00df wie ein Sputnik hoch, seine Karriere war berauschend. Als uneheliches Kind war das in der DDR durchaus m\u00f6glich. W\u00e4hrend es im biederen und dekadenten Wertewesten zur damaligen Zeit wohl kaum m\u00f6glich gewesen w\u00e4re. K\u00f6nig ist weder eitel noch abgehoben. Die Sozialisierung in der DDR sp\u00fcre ich bei ihm deutlich, da er meistens vom \u201cWir\u201c spricht, selten mal das Wort \u201cIch\u201c gebraucht. Sowohl in der Lesung als auch im Buch spricht er Fehler in der DDR an und auch seine eigenen.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Zum Beispiel h\u00e4tte er nicht gedacht, da\u00df Katarina Witt, die mit Dieter Dehm auf seinen Vorschlag hin die legend\u00e4ren Konzerte in Berlin-Wei\u00dfensee moderierte, ausgepfiffen wird. &#8222;Damit hatten wir \u00fcberhaupt nicht gerechnet, und das gab mir schon zu denken.&#8220; Witt wurde vom Publikum nicht mit ihren gro\u00dfen Sporterfolgen als Eiskunstl\u00e4uferin verkn\u00fcpft, sondern mit ihren Westreisen. Hartmut K\u00f6nig deutet das so, da\u00df in der DDR etwas nicht stimmte. Er, der als Mitglied des Internationalen Studentenbundes und des Weltfriedensrates viele L\u00e4nder sah, besa\u00df Privilegien. &#8222;Mit dem Privileg Reisefreiheit habe ich nie geprahlt und gewu\u00dft, da\u00df es \u2013 als Privileg \u2013 abgeschafft geh\u00f6rt.&#8220; Die Kehrseite davon ist, so seine Worte, da\u00df die DDR-B\u00fcrger bei einer offenen Grenze Valuta h\u00e4tten bekommen m\u00fcssen.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">\u201eMit jahrzehntelangem Abstand scheint sich zu zeigen, wie nachhaltig die Singebewegung in vielen Ostbiografien als ein politischer und kultureller Orientierungspunkt gewirkt hat.\u201c Der Versuch jedoch, Kultur und Kunst zur Herausbildung eines sozialistischen Bewu\u00dftseins einzusetzen, hat der Argumentation von K\u00f6nig zufolge zu wenig gegriffen. Kunst sollte unbedingt auch die Funktion haben, Politik zu hinterfragen und kritisch zu begleiten. Dies klappte in der DDR zu wenig, bemerkt er. Auch wurden die Debatten immer seltener, wie zum Beispiel diejenige, als sich die Redakteure der SED-Zeitung \u201eNeue Deutschland\u201c f\u00fcr die \u2013 sp\u00e4ter zeitweise verbotene \u2013 Rockgruppe Renft einsetzten und diese zum eigenen Pressefest einluden.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Trotz des provokanten Lieds &#8222;Sonderzug nach Pankow&#8220; von Udo Lindenberg h\u00e4tte Erich Honecker K\u00f6nig zufolge nichts gegen dessen Auftritt gehabt, der 1983 im Palast der DDR stattfand, und nahm sein Geschenk \u2013 eine Lederjacke \u2013 an. Den Antwortbrief schrieb K\u00f6nig und schlug vor, ihm eine Schalmei zu schenken. Diese baute Lindenberg in ein Konzert ein. Mehr von dieser Lockerheit, wo dies m\u00f6glich war, h\u00e4tte der DDR-F\u00fchrung sicher gut getan, so der Autor.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Hartmut K\u00f6nig erz\u00e4hlt auf 560 Seiten sein Leben, das mit den politischen Ereignissen sehr eng verzahnt ist und so eine kleine informative Geschichte der DDR ergibt, insbesondere aus k\u00fcnstlerischer Perspektive. Schade, da\u00df Widerspr\u00fcche im Umgang mit Literatur und Malerei etwas unterbelichtet sind. Statt des Buchtitels &#8222;Warten wir die Zukunft ab&#8220; w\u00fcrde ich vorziehen: \u201eSamenk\u00f6rner s\u00e4hen, jedoch keine auf Beton\u201c. Diesen Gedanken f\u00fchrt er ab Seite 408 ausf\u00fchrlich aus. Er jedoch signiert seine Autobiographie durchaus gern mit dem Wunsch: \u201eDamit die DDR keine Fu\u00dfnote der Geschichte wird.\u201c<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Sein Werk, an dem er sieben Jahre arbeitete, ist fl\u00fcssig geschrieben und hat ein umfangreiches Personenregister, so da\u00df es sich auch als ein Nachschlagewerk f\u00fcr diese Zeit und diese Themen nutzen l\u00e4\u00dft. Das Buch schrieb er zwar f\u00fcr DDR-B\u00fcrger, heutige Jugendliche aber sollten sich beim Lesen nicht scheuen, vereinzelt andere Quellen hinzuzuziehen, da ihnen solche Abk\u00fcrzungen wie SMAD bestimmt nicht gel\u00e4ufig sind. Ich empfehle es gern, da es bei einem bewu\u00dften Lesen M\u00f6glichkeiten beim Aufbau des Sozialismus vermittelt, die auf ihre Umsetzung warten.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Stefan Otto<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">(&#8222;Warten wir die Zukunft ab&#8220; von Hartmut K\u00f6nig; neues Leben, 3. Auflage 2020, 24,99 Eu)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 20. August 2021 nahm ich in Quedlinburg an einer Lesung von Hartmut K\u00f6nig teil, die Mitglieder des Freidenker-Verbands (DFV) organisierten. Mit seinem Namen konnte ich zun\u00e4chst nichts anfangen, mit seinen Liedern schon. Als Liedermacher, sp\u00e4terer FDJ- und SED-Funktion\u00e4r trat er \u2013 als Pete Seeger ihm seine Gitarre lieh \u2013 bei der UNO Weltjugendversammlung in New York auf (1970); im eigenen Land polarisierte er mit seinen Liedtexten. 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